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Christi dreifache Ankunft als Mensch, als Sohn Gottes und als
Gott
Hl. Bernhard von Clairvaux
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Erschienen ist die Güte und Menschenfreundlichkeit unseres Gottheilandes. Gott Dank, daß er uns so überreichen Trost verleiht auf unserer Wanderschaft, in dieser Verbannung, in diesem Elend. Ich bin bestrebt, euch öfter daran zu erinnern, auf daß ihr nie vergeßt: Pilger sind wir, weit von der Heimat entfernt, aus unserem Erbe vertrieben. Wer die Trostlosigkeit nicht kennt, kann auch den Trost nicht schätzen. Wer die Notwendigkeit des Trostes immer noch nicht einsieht, darf auch nicht auf die Gnade Gottes hoffen. Weltleute, die ganz in ihren Geschäften aufgehen und in Laster verstrickt sind, scheren sich nicht um Gottes Barmherzigkeit, da sie ihr eigenes Elend nicht fühlen. Zu euch wurde das Wort nicht vergeblich gesprochen: Seid frei und schaut wie süß der Herr ist! (Ps 45,11) Von euch sagt derselbe Prophet: Die Macht seiner Werke tat er seinem Volke kund. (Ps 110,6) Euch halten keine weltlichen Geschäfte ab. So achtet doch ihr darauf, was es um geistigen Trost ist! Ihr, die ihr die Verbannung wohl kennt, vernehmt, daß Hilfe vom Himmel kommt! Denn erschienen ist die Güte und Menschenfreundlichkeit unseres Gottheilandes. Bevor seine Menschenfreundlichkeit erschien, war seine Güte verborgen. Auch diese war schon früher da, denn auch die Barmherzigkeit des Herrn ist von Ewigkeit. Wie aber konnte man solch große Barmherzigkeit erkennen? Sie wurde verheißen, doch nicht wahrgenommen. Daher glaubte man auch vielfach nicht daran. Zu vielen Malen und auf vielerlei Weise sprach Gott durch die Propheten (Hebr 1,1): Ich hege Gedanken des Friedens und nicht des Unglücks. (Jer 29,11) Was aber gab der Mensch zur Antwort, da er sein Unglück fühlte, den Frieden aber nicht kannte? Wie lange sprecht ihr: Friede, Friede und es ist doch kein Friede? (Ez 13,10) Deshalb weinten die Engel des Friedens bitterlich (Is 33,7) und sprachen: Herr, wer hat dem Wort, das sie von uns gehört, geglaubt? (Is 53,1) Aber jetzt sollen die Menschen wenigstens ihren Augen trauen; denn die Zeugnisse Gottes sind überaus glaubwürdig geworden. (Ps 92,5) Damit es nicht einmal dem getrübten Auge verborgen bleibe, schlug er sein Zelt in der Sonne auf. (Ps 18,6)
Siehe da, der Friede, nicht bloß verheißen, sondern gesandt, nicht aufgeschoben, sondern gegeben, nicht vorhergesagt, sondern gewährt. Siehe, Gott der Vater schickte gleichsam einen Sack voll seiner Barmherzigkeit auf die Erde. Dieser Sack sollte im Leiden aufgeschnitten werden, damit so unser Erlösungspreis ausgeschüttet würde. Dieser Sack ist zwar klein aber vollgefüllt. Ein kleines Kind ward uns geschenkt, in dem aber die ganze Fülle der Gottheit wohnt. Als die Fülle der Zeit gekommen war, kam auch die Fülle der Gottheit. Sie kam in Fleische, um sich auch so den fleischlich Gesinnten darzubieten. Auch ihre Güte sollte man erkennen, wenn die Menschenfreundlichkeit sich zeigte. Wo die Menschenfreundlichkeit Gottes sich kundgibt, kann seine Güte nicht verborgen bleiben. Wie konnte er seine Güte besser offenbaren als durch die Annahme meines Fleisches? Meines Fleisches, sage ich, nicht jenes des Adam, d.h. wie es vor dem Sündenfall beschaffen war. Was könnte seine Barmherzigkeit so deutlich zeigen, als daß er selbst unser Elend auf sich nahm? Unseretwillen ist Gottes Wort wie dürres Gras geworden; welche Liebe wäre so voll und reich wie diese? Herr was ist der Mensch, daß du ihn so Hoch schätzest? Oder warum hast du Acht auf ihn? (Job 7,17) Daraus mag der Mensch ersehen, wie Gott sich um ihn sorge. Daraus soll er erkennen, was Gott von ihm denke, was er für ihn empfinde. Frage nicht, o Mensch, nach deinen Leiden, sondern nach dem was er gelitten hat! Wie hoch er dich geschätzt, erkenne aus dem was er für dich getan, damit seine Güte dir aus seiner Menschenfreundlichkeit klar werde. Denn je geringer er sich aus Men-schenfreundlichkeit machte, um so größer zeigte er sich in seiner Güte; je niedriger er für mich geworden, desto teurer ist er mir. Der Apostel sagt: Erschienen ist die Güte und Menschenfreundlichkeit unseres Gottheilandes. Fürwahr, groß und offensichtlich sind Gottes Güte und Menschenfreundlichkeit. Einen glänzenden Beweis seiner Güte hat er gegeben, indem er der menschlichen Natur den Namen Gottes beilegen ließ.
Der Engel Gabriel, der zu Maria gesandt worden, spricht zwar vom Sohne Gottes, nennt ihn aber nicht Gott. Gepriesen sei Gott, der uns aus unserer Mitte einen Engel gab, damit eben dieser Engel ergänze, was jener nicht gesagt. Auch er hatte den Geist Gottes und redete in seinem Geiste, was uns höchst notwendig war. Was richtet den Glauben so auf, was stärkt so die Hoffnung, entzündet so die Liebe wie die Menschenfreundlichkeit Gottes? Unserem Engel ward es vorbehalten, was andere verschwiegen. Es ist auch nicht an-gezeigt, daß alle alles sagen. Wir sollen vielmehr mit freudigem Dank von dem einen das, vom anderen jenes erfahren und uns den Einzelnen in gebührender Weise erkenntlich zeigen. In einem Punkte jedoch stimmen die Apostel und die Engel, die von der Geburt Christi reden, überein: sie nennen den Heiland mit dem gleichen Namen. Im Gespräche mit Maria, die vom Heiligen Geiste bereits besser unterrichtet war, zeigt Gabriel bloß den Namen an: Seinen Namen sollst du Jesus nennen. (Lk 1,31) Als der Engel zu Josef kam, verkündete er nicht bloß den Namen, sondern belehrte ihn auch über den Grund mit den Worten: Du wirst seinen Namen Jesus nennen, denn er wird sein Volk erlösen von seinen Sünden. (Mt 1,21) Aber auch den Hirten wird eine große Freude verkündet: der Heiland, Christus der Herr ist geboren. (Lk 2, 10f) Etwas ähnliches sagt Paulus: Erschienen ist die Güte und Menschenfreund-lichkeit unseres Gottheilandes. (Tit 3,6) Glücklicherweise hat keiner von diesen den süßen Namen verschwiegen, der mir so besonders notwendig war. Was würde ich sonst tun, wenn ich hörte, daß der Herr kommt? Müßte ich nicht fliehen wie Adam, der vor seinem Angesichte floh, ihm aber nicht entfloh? Müßte ich nicht verzweifeln bei der Kunde, daß jener kommt, dessen Gebot ich so übertreten, dessen Langmut ich so mißbraucht, für dessen Wohltat ich keinen Dank gewußt? Wo könnte ichgrößeren Trost finden als in diesem süßen Wort, in diesem trostreichen Namen? Deshalb sagt er auch selbst: Der Sohn ist nicht gekommen, die Welt zu richten, sondern, damit die Welt durch ihn gerettet werde. (Joh 3,17) Jetzt trete ich mit Vertrauen hinzu, jetzt flehe ich mit Zuversicht. Was sollte ich auch fürchten, wenn der Heiland in mein Haus kommt? Ihm allein habe ich gesündigt. Was er vergeben, ist für immer geschenkt. Er kann ja tun was er will. Wenn Gott rechtfertigt, wer darf dann noch verdammen? Wer darf als Ankläger auftreten wider die Auserwählten Gottes? (Röm 8,33f) Deshalb müssen wir uns freuen, weil er in unser Haus gekommen ist. Nun wird er ja leicht zum Verzeihen geneigt sein.
Endlich ist der Heiland ein kleines Kind. Daher läßt er sich leicht versöhnen. Wer wüßte nicht, daß ein Kind leicht verzeiht? Weil er für uns gar so klein geworden ist, können wir uns um einen Spott mit ihm versöhnen. Um einen ganz geringen Preis, sage ich, jedoch nicht ohne Buße. Unsere Buße ist eben etwas sehr geringes. Wir sind ja arm und können nur wenig geben. Gleichwohl können wir für diese geringe Gabe wieder Versöhnung finden, wenn wir nur wollen. Alles, was wir geben können, ist dieser elende Leib. Gebe ich ihn hin, so ist es genug. Genügt er nicht, so gebe ich noch seinen Leib dazu. Von dem meinigen ist er genommen und ist mein. Ein Kind ist uns ja geboren, ein Sohn ist uns geschenkt. (Is 9,6) Von dir, o Herr, ergänze ich mir, was ich an mir zu wenig habe. O süßeste Versöhnung! O lieblichste Genugtuung! O Versöhnung, wahrhaft leicht und doch so vorteilhaft! O Genugtuung, so klein und doch nicht geringzuschätzen! So leicht sie jetzt ist, so schwer wird sie später sein. Wie es jetzt niemanden gibt, der nicht wieder zum Glauben kommen könnte, so wird es auch nach kurzer Zeit niemanden mehr geben, dem es noch möglich wäre. Wie jetzt die Güte erschienen ist, über alle Erwartung groß und über jeden menschlichen Begriff erhaben, so müssen wir eine gleiche Strenge beim Gericht erwarten. Verachte also nicht Gottes Barmherzigkeit, wenn du nicht seine Gerechtigkeit, seinen Zorn, seinen Un-willen, seinen Eifer, seinen Grimm erfahren willst. Herr strafe mich nicht in einem Grimm und züchtige mich nicht in deinem Zorn! (Ps 6,1) Damit du wissest, welche Strenge darauf folgt, ist ihr solche Milde vorausgegangen. Aus der Größe der Verzeihung erkenne die Größe der Strafe. Gott ist ohne Maß und ohne Grenzen in seiner Gerechtigkeit wie in seiner Barmherzigkeit. Er ist vielbereit zu verzeihen, vielbereit zu strafen. (Is 55,7) Allein die Barmherzigkeit behauptet ihren Platz vor der Gerechtigkeit; wenn wir nur wollen, wird die Strenge keinen finden, gegen den sie wüten möchte. Deshalb hat er seine Güte vorher angeboten, damit wir durch sie versöhnt, ruhig seiner Strenge entgegensehen dürften. Darum wollte er nicht auf die Erde herabsteigen, sondern sich auch zu erkennen geben; er wollte nicht nur geboren, sondern auch erkannt werden.
In Anerkennung dessen wird der heutige Tag, der glorreiche Tag der Erscheinung, feierlich begangen. Heute kamen die Weisen aus dem Morgenland und suchten die aufge-gangene Sonne der Gerechtigkeit. Suchten den, von dem geschrieben steht: Siehe ein Mann! Aufgang ist sein Name! (Zach 6,12) Heute beteten sie das wunderbare Kind der Jungfrau an, die der Führung eines wunderbaren Sternes gefolgt waren. Liegt darin für uns nicht auch ein Trost wie in dem Worte des Apostels, von dem wir bereits gesprochen haben? Jener hat ihn Gott genannt, diese nennen ihn Gott nicht mit Worten, sondern durch die Tat. Was tut ihr, ihr Weisen, was tut ihr? Ihr betet einen Säugling an, der in einer ärmlichen Hütte, in armseligen Windeln liegt. Ist dieses Kind also Gott? Gott wohnt doch in seinem heiligen Tempel, der Herr hat seinen Thron im Himmel. (Ps 10,5) Ihr sucht ihn in einem armen Stall, auf dem Schoß seiner Mutter? Warum bringt ihr ihm Gold dar? Ist denn dies Kind ein König? Aber wo ist die Königsburg, wo der Thron, wo der zahlreiche königliche Hofstaat? Ist etwa der Stall sein Schloß, sein Thron die Krippe, Josef und Maria der glänzende Hofstaat? Wie sind weise Männer so töricht geworden, daß sie ein kleines Kind anbeten, verächtlich durch sein Alter, verächtlich durch die Armut seiner Eltern? Ja, sie wurden Toren, damit sie Weise würden. Der Heilige Geist hat sie vorher gelehrt, was später der Apostel predigte: Wer weise sein will, werde ein Tor, damit er ein Weiser werde. (1 Kor 3,18) Weil die Welt durch ihre Weisheit Gott in der Weisheit Gottes nicht erkannte, hat es Gott gefallen, durch die Torheit der Predigt vom Kreuze die Gläubigen zu retten. (1 Kor 1,21)
Brüder, war nicht etwa zu befürchten, daß diese Männer sich ärgerten, verspottet und betrogen fühlten? Aus der Königsstadt, wo sie in ihrer Berechnung den König suchen mußten, werden sie in das unscheinbare Städtchen Bethlehem gewiesen. Sie treten in den Stall und finden ein Kindlein in Windeln eingewickelt. Der Stall ist ihnen nicht zu schmutzig, sie nehmen keinen Anstoß an den Windeln, kein Ärgernis an dem Kindlein, das sich an der Brust der Mutter nährt. Sie fallen nieder, huldigen ihm als ihrem König, beten es an als ihren Gott. In der Tat, der sie herbeigeführt, hat sie auch unterrichtet; und der sie durch den Stern äußerlich aufgefordert hat, belehrte sie auch im Inneren des Herzens. Die Kundmachung des Herrn hat diesen Tag verherrlicht und die fromme Anbetung der Weisen hat ihn zu einem Tag der Andacht und Verehrung gemacht.
Doch nicht bloß diese Erscheinung wird gefeiert, sondern noch eine andere, wie wir von unseren Vätern übernommen haben. Diese soll, wenn auch viel später, doch am gleichen Tage stattgefunden haben. Als Christus bereits dreißig Jahre verlebt hatte, kam er, der als Gott immer derselbe ist und dessen Jahre kein Ende nehmen (Ps 101,23), unter den Volksscharen zur Taufe des Johannes. Er kam wie einer aus dem Volke und war doch allein ganz ohne Sünde. Wer hätte ihn da-mals für den Sohn Gottes gehalten? Wer für den Herrn der Herrlichkeit? O Herr, du erniedrigst dich gar weit und hüllst dich in das tiefste Dunkel! Doch dem Johannes kannst Du nicht verborgen bleiben. Hat er dich nicht, den noch Ungeborenen, selbst noch nicht geboren, im Mutterleib erkannt? Hat er dich nicht durch die leibliche Hülle deiner und seiner Mutter wahrgenommen und, weil er den Scharen noch nicht zurufen konnte, wenigstens durch freudiges Aufhüpfen seine Mutter belehrt? (Lk 1,41) Was aber jetzt? Johannes, berichtet der Evangelist, sieht Jesus auf sich zukommen und ruft: Siehe das Lamm Gottes, das die Sünden der Welt hinwegnimmt! (Joh 1,29) Wahrhaftig ein Lamm, wahrhaftig demütig, wahrhaftig sanftmütig! Siehe, sagt Johannes, das Lamm Gottes, das die Sünden der Welt hinwegnimmt! Er selbst wird unsere Sünden tilgen, uns vom Unrat reinigen.
(Fortsetzung im nächsten Rundbrief)
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