Das Zwölfsterndiadem Mariens (2.+3. Teil)

Hl. Bernhard von Clairvaux

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Denn etwas Unerhörtes hat der Herr auf Erden geschaffen: Eine Frau umschloß einen Mann (Jer. 31,22), und zwar keinen anderen als Christus, von dem es heißt: Siehe ein Mann wird kommen, Aufgang ist sein Name! (Zach. 6,12) Neues schuf er auch im Himmel: eine Frau sollte erscheinen mit der Sonne umkleidet! Endlich hat sie ihn auch gekrönt und verdiente dabei wieder von ihm gekrönt zu werden. Gehet heraus, Töchter Sions, und schauet den König Salomon mit dem Diadem, womit ihn seine Mutter gekrönt hat! (Hohel. 3,11) Doch davon ein andermal.

Tretet einstweilen ein und schauet die Königin mit dem Diadem, womit ihr Sohn sie gekrönt hat! Auf ihrem Haupt trägt sie eine Krone von zwölf Sternen. (Apk. 12,1) Wahrhaftig, ihr Haupt ist wert, mit Sternen gekrönt zu sein. Es leuchtet ja weit heller als die Sterne und könnte eher sie schmücken, als daß sie von ihnen geschmückt werde. Warum sollten nicht Sterne sie krönen, die von der Sonne umkleidet ist? Wie Rosenblüte, heißt es, in den Lenzes Tagen, wie die Lilien an den Wasserbächen (Eccli. 50,8), so umgaben sie die Sterne. Denn die Linke des Bräutigams ruht unter ihrem Haupte und seine Rechte umfaßt sie. (Hohel. 2,6) Wer vermöchte jene Edelsteine zu schätzen, wer die Sterne zu nennen, aus denen Mariens Königsdiadem gefügt ist? Es geht über Menschenkraft, den Sinn dieser Krone zu deuten und ihr Gefüge zu erklären. Uns dünkt jedoch nach unserer bescheidenen Meinung, ohne uns auf die gefährliche Untersuchung der Geheimnisse einzulassen, unter diesen zwölf Sternen nicht unpassend die zwölf Gnadenvorzüge verstehen zu wollen, die Maria in ganz besonderer Weise schmücken.

Denn Maria besitzt Vorzüge des Himmels, Vorzüge des Leibes, Vorzüge des Herzens. Und wenn man diese Dreizahl mit vier vervielfacht, so erhalten wir vielleicht jene zwölf Sterne, womit das Diadem unserer Königin alle Sterne weit überstrahlt. Ich sehe ein einzigartig Glühen und Leuchten: 1. in der Geburt Mariens: 2. im Gruß des Engels; 3. in der Überschattung durch den Heiligen Geist; 4. in der unaussprechlichen Empfängnis des Sohnes Gottes. Ebenso leuchtet es wie Sternenpracht aus folgendem: 1. Maria trägt das Banner der Jungfräulichkeit; 2. sie vereinigt Mutterschaft mit Jungfrauschaft; 3. sie fühlt sich Mutter ohne Beschwernis; 4. ohne Schmerzen schenkt sie dem Kind das Leben. Außerdem schimmert an Maria in ganz besonderem Glanze: 1. zarte Scham; 2. gottergebene Demut; 3. hochherziger Glaube; 4. das Martyrium des Herzens.

Eurem Eifer wird es nun obliegen, diese Sterne einzeln genauer zu betrachten. Indes glauben wir genug getan zu haben, wenn wir sie euch ganz kurz vor Augen führen. Was schimmert denn so glänzend, wie ein Stern so hell bei der Geburt Mariens? Gewiß, weil sie ein Königskind war, weil sie aus der Nachkommenschaft Abrahams entsproß, dem edlen Geschlechte Davids entstammte. Scheint dir das zu wenig, so füge noch hinzu, daß Gott sie jenem Geschlechte bekanntlich wegen seiner großen Heiligkeit schenkte. Schon lange vorher war sie eben diesen Vätern vom Himmel verheißen. Durch geheimnisvolle Wunderzeichen ward sie vorgebildet, durch Weissagungen der Propheten vorausverkündet. Ihr Sinnbild war der priesterliche Stab der ohne Wurzel blühte (Num. 17,8); auf sie wies hin das Vlies des Gideon (Ri. 6,37), das inmitten der trockenen Tenne befeuchtet ward; im Gesicht des Ezechiel ist sie das Tor gegen Osten, das niemandem offen stand. (Ez. 44,1) Ihr galt endlich vor allen anderen die Verheißung des Isaias der verkündete: Ein Reis wird aufsprossen aus der Wurzel Jesse (Is. 11,1), bald noch deutlicher: Eine Jungfrau werde gebären. (Is. 7,14) Mit Recht heißt es von diesem großen Zeichen, daß es am Himmel erschienen sei; denn es wurde ja so lange zuvor vom Himmel her verheißen. Der Herr sagt: Er selbst wird euch ein Zeichen geben. Siehe die Jungfrau wird empfangen! (Is. 7,14) Fürwahr, ein großes Zeichen hat er gegeben, weil der Geber selbst groß ist.

Wessen Auge blendet also nicht der Glanz dieses Ehrenvorzuges? Maria wird so ehrerbietig und so dienstlich feierlich vom Engel begrüßt, daß es den Anschein hat, als habe er sie schon damals auf königlichem Throne über alle Chöre der himmlischen Heerscharen erhoben gesehen, als wollte er die Frau fast anbeten, er, der bisher billigerweise von dem Menschen verehrt zu werden pflegte. Schon das legt uns das herrlichste Verdienst und die ganz außerordentliche Gnade unserer Jungfrau nahe.

Nicht weniger herrlich erstrahlt jene neue Art der Empfängnis. Denn Maria empfing nicht in der Sünde wie alle anderen Frauen, sondern durch Überschattung des Heiligen Geistes, allein, und nicht nur infolge ihrer Heiligung. Denn daß sie den wahren Gott und Gottessohn geboren hat, damit eben dieser als Gottes und des Menschen Sohn, als Gott und Mensch zugleich aus Maria hervorgehe, ist ein Abgrund von Licht; und ich wage fast zu sagen, so gewaltiger Lichtglanz müßte selbst eines Engels Auge blenden.

Ferner wirft auf die Jungfräulichkeit ihres Leibes und ihren Entschluß zur Jungfräulichkeit gerade die Neuheit eines solchen Entschlusses ein ganz besonders klares Licht. Denn Maria überhob sich in der Freiheit des Geistes über die Bestimmungen des mosaischen Gesetzes und gelobte Gott unversehrte Heiligkeit des Leibes und der Seele. Unerschütterlich fest war dieser Vorsatz; denn als der Engel ihr einen Sohn verhieß, antwortete sie standhaft: Wie wird das geschehen, da ich keinen Mann erkenne? (Lk. 1,34) Vielleicht erschrak sie anfangs bei seiner Anrede und dachte nach, was das für ein Gruß sei, weil sie gehört hatte, daß sie gebenedeit sein sollte unter den Frauen, während sie doch stets unter den Jungfrauen gepriesen zu werden wünschte. Von jetzt an dachte sie nach, was dieser Gruß bedeute, weil er ihr bereits verdächtig vorkam. Sobald dann durch die Verheißung eines Sohnes die Jungfräulichkeit offen gefährdet schien, konnte sie nicht mehr länger schweigen. Deshalb die Frage: wie wird das geschehen, da ich keinen Mann erkenne. Mit Recht verdiente sie daher auch den Mutterpreis, ohne den Jungfrauenpreis einzubüßen, damit so die Jungfräulichkeit aus der Fruchtbarkeit und die Fruchtbarkeit aus der Jungfräulichkeit nur noch an Herrlichkeit gewänne und diese beiden Gestirne sich sozusagen wechselseitig beleuchteten. Etwas Großes ist die Jungfrauschaft. Aber Jungfraumutter zu sein, ist in jeder Hinsicht noch weit mehr.

Billigerweise hat sie allein auch gar keine jener lästigen Beschwerden, woran die übrigen Frauen in dieser Lage leiden, erfahren, weil sie allein auch ohne sinnliche Lust empfangen hat. Darum konnte sie auch sogleich in der ersten Zeit nach der Empfängnis frisch und froh über das Gebirge eilen, um Elisabeth zu bedienen, während die anderen Frauen in dieser Zeit das meiste Ungemach zu leiden haben. Ja, sie stieg selbst unmittelbar vor den Geburt noch mit jenem überaus kostbaren Kleinod, mit jener leichten Last nach Bethlehem hinauf, trug sie doch den, von dem sie selbst getragen wurde. Wie lichtvoll ist aber auch bei der Geburt der Umstand, daß Maria einem neuen Sproß unter neuen Freuden das Leben schenkte, war sie doch allein unter allen Frauen frei vom allgemeinen Fluch und Weh der Gebärenden.

Wenn man den Wert der Dinge nach ihrer Seltenheit bemißt, dann kann man nichts Selteneres finden als diese Vorzüge. Denn darin zeigte sich weder vorher noch nachher eine Frau ihresgleichen. Wenn wir dies im Glauben betrachten, schöpfen wir wahrhaftig Bewunderung, Ehrfurcht, Andacht und Trost daraus. Die noch übrigen Vorzüge heischen unserer Nachahmung. Uns steht es nicht zu, schon vor der Geburt so oft und auf so vielerlei Weise von Gott verheißen und vom Himmel vorherverkündet, noch auch vom Erzengel Gabriel durch so neuen und ehrfurchtsvollen Gruß geehrt zu werden. Noch weniger teilt Maria mit uns ihre beiden anderen Vorzüge. Denn sie sind voll und ganz ihr eigenes Geheimnis. Denn von ihr allein gilt das Wort: Was in ihr erzeugt ist, kommt vom Heiligen Geist. (Mt. 1,20) Zu ihr allein wird gesagt: Das Heilige, das aus dir geboren werden soll, wird Sohn Gottes genannt werden. (Lk. 1,35) Mögen Jungfrauen sich dem König weihen, aber erst nach ihr (vgl. Ps. 44,15); denn diesen Vorrang darf sie allein für sich in Anspruch nehmen. Noch einzigartiger aber ist ihre Stellung darin, daß sie einen Sohn unversehrt empfangen, ohne Beschwernis getragen und ohne Schmerzen geboren hat. Derlei wird von uns also nicht verlangt.

Etwas aber kann man trotzdem von uns fordern. Würde die Seltenheit dieser Gaben unsere Nachlässigkeit entschuldigen, wenn wir es dagegen an zarter Scham, Herzensdemut, Glaubensgroßmut oder mitleidsvoller Gesinnung fehlen ließen? Fürwahr, der lieblichste Edelstein im Diadem, ein schimmernder Stern auf dem Haupte ist die Schamröte im Antlitz eines sittsamen Menschen. Wer meint wohl, daß diese Gnade jener fehlte, die voll der Gnade war? Schamhaft war Maria. Das beweisen wir aus dem Evangelium. Denn wo scheint sie einmal geschwätzig, wo aufdringlich gewesen zu sein? Draußen blieb sie stehen, als sie mit ihrem Sohn zu sprechen wünschte. (Mt. 12,46) Sie machte nicht mütterliches Ansehen geltend, um seine Worte zu unterbrechen oder in das Gemach einzudringen, in dem ihr Sohn sprach. Im ganzen Wortlaut der vier Evangelien kann man Maria nur viermal reden hören, wenn wir uns recht erinnern. Erstmals mit dem Engel, aber erst nachdem er sie bereits zweimal angesprochen hat. (Lk. 1,34) Dann zu Elisabeth, als die Stimme ihres Grußes den Johannes im Mutterleibe aufhüpfen machte (Lk. 1,46) und sie selbst, von Elisabeth gepriesen, eher den Herrn zu preisen suchte. Das dritte Mal zu ihrem Sohne, als er bereits zwölf Jahre zählte, da sie und sein Vater ihn mit Schmerzen gesucht hatten. (Lk. 2,48) Zum vierten Mal auf der Hochzeit zu Kana zu ihrem Sohne und zu den Dienern. Dieses Wort war gewiß der sicherste Beweis ihrer angeborenen Sanftmut und jungfräulichen Scham. Sie betrachtete die Beschämung anderer als die eigene, konnte sie nicht ertragen und konnte daher den Mangel an Wein nicht übersehen. Als sie dabei von ihrem Sohne hart angefahren wurde, erwiderte sie ihm in ihrer Herzenssanftmut und Demut nicht, noch gab sie die Hoffnung auf, sondern ermahnte die Diener zu tun, was er sie hieße.

Wenn ihr Wert darauf legt, ihr zu gefallen, ahmet ihre Bescheidenheit nach! Denn nichts schickt sich für einen Menschen mehr, nichts steht einem Christen so gut an und vor allem gibt es für einen Mönch nichts Geziehmenderes.

Gerade aus dieser Sanftmut leuchtet an der Jungfrau die Demut hinreichend klar hervor. Demut und Sanftmut sind ja Milchschwestern; noch inniger sind sie in dem verschwistert, der da sprach: Lernet von mir, denn ich bin sanftmütig und demütig von Herzen! (Mt. 11,29) Denn wie die Mutter der Anmaßung die Selbstüberhebung ist, so geht wahre Sanftmut nur aus wahrer Demut hervor.

Doch nicht bloß in der Schweigsamkeit Mariens zeigt sich ihre Demut; noch deutlicher klingt sie aus ihren Worten. Sie hat vernommen: Das Heilige, das aus dir geboren werden soll, wird Sohn Gottes genannt werden. (Lk. 1,35) Und sie erwidert sie sei nur dessen Magd. Dann kam sie zu Elisabeth, und sogleich wird dieser durch den Heiligen Geist die einzigartige Würde der Jungfrau geoffenbart. Schließlich rief Elisabeth voll Staunen über den Besuch aus: Womit habe ich das verdient, daß die Mutter meines Herrn zu mir kommt! (Lk. 1,43) Auch die Stimme der Grüßenden lobte sie, indem sie hinzufügte: Sobald der Klang deines Grußes mein Ohre berührte, hüpfte das Kind freudig aus in meinem Schoße. (Lk. 1,45) Desgleichen pries sie ihren zuversichtlichen Glauben selig mit den Worten: O selig, die du geglaubt hast; denn was dir vom Herrn gesagt worden ist, wird in Erfüllung gehen! (Lk. 1,45) Fürwahr herrliche Lobpreisungen! Allein die Gottergebene Demut will nichts für sich behalten, sie leitet vielmehr alles auf den zurück, dessen Wohltaten man an ihr rühmte. Sie spricht: Du preisest hoch die Mutter des Herrn: Doch hoch preist meine Seele den Herrn (Lk. 1,46); beim Klange meiner Stimme, sagst du, sei dein Sohn vor Freude aufgehüpft. Aber mein Geist hüpft auf in Gott, meinem Heiland (Lk. 1,47); denn auch er selbst (Johannes), gleichsam der Freund des Bräutigams, freut sich herzlich über die Stimme des Bräutigams (Jesus). (Joh. 3,29) Die geglaubt hat, preisest du selig. Doch die Ursache dieses Glaubens und dieser Seligkeit liegt in dem Gnadenblick des Allerhöchsten, sodaß mich alle Geschlechter vielmehr deshalb selig preisen (Lk. 1,48), weil Gott seine geringe, kleine Magd in Gnaden angesehen hat.

(Fortsetzung  folgt)

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