"Ein Ave Maria ist mehr wert als die ganze Welt" (hl. Alphons M. Ligouri) Es gibt wohl kein Gebet, das die Stimmung der Adventszeit besser einfängt, als das Ave Maria, da es die Worte der Verkündigung enthält: "Gegrüßet seist Du Maria, voll der Gnade." Mit diesen Worten ist die Ankunft (dies bedeutet das Wort Advent) des Erlösers der hl. Jungfrau Maria durch den Erzengel Gabriel verkündet worden. Gerade deshalb ist es neben dem Vater unser das kostbarste Gebet der Christenheit. Denn dieselben Worte, die beim Ave Maria ausgesprochen werden, haben einst die Ankunft des Erlösers angekündigt und damit das Heil für die ganze Welt. Das Ave Maria besteht aus drei Teilen: Der erste Teil ist von der Hlst. Dreifaltigkeit geoffenbart und vom Erzengel Gabriel verkündet worden: "Gegrüßet seist Du, voll der Gnade! Der Herr ist mit Dir!" (Lk 1,28) Der zweite Teil ist den Worten der hl. Elisabeth entnommen, die vom Hl. Geist erleuchtet, bei der Begegnung mit ihrer Base Maria ausruft: "Du bist gebenedeit unter den Frauen und gebenedeit ist die Frucht deines Leibes." (Lk 1,42) Der dritte Teil ist von der Kirche angefügt, nachdem auf dem Konzil von Ephesus im Jahre 431 die Irrlehre des Nestorius verurteilt und gleichzeitig definiert wurde, daß Maria wahrhaft Gottesgebärerin sei: "Heilige Maria, Mutter Gottes, bitte für uns Sünder, jetzt und in der Stunde unseres Todes." Im Ave Maria finden wir also jene bedeutsamsten Worte, die den Menschen vor der ewigen Verdammnis gerettet haben. |
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Der Engelsgruß enthält den gesamten Glauben des Alten Testamentes und die Sehnsucht, mit der die Patriarchen und Propheten den Erlöser Israels herbeigefleht haben. Das Ave Maria enthält aber auch die gesamte christliche Heiligkeit in sich verschlossen. Die Martyrer haben die Kraft erhalten, die Bekenner die Ausdauer und die Jungfrauen ihre Reinheit, weil ihnen durch den Engelsgruß all dies erst zuteil werden konnte. Der hl. Ludwig Maria Grignion von Montfort schreibt über die Würde des Ave: "Es ist das neue Hohelied des Gesetzes der Gnade, die Freude der Engel und Menschen, der Schrecken und die Beschämung der Dämonenen. Durch das Ave wurde Gott Mensch, eine Jungfrau Gottesmutter, wurden die Seelen der Gerechten aus der Vorhölle befreit, die Verluste des Himmels wiederhergestellt, die leeren Throne besetzt, wurden die Sünde vergeben, die Gnade aufs Neue geschenkt, wurden die Kranken geheilt, die Toten erweckt, die Verbannten zurückgerufen, wurde die allerheiligste Dreifaltigkeit besänftigt und die Menschen erhielten das ewige Leben." (aus: Der hl. Rosen-kranz, vom hl. Ludwig M. Grignion von Montfort).
Das Ave Maria umfaßt somit die gesamte Heilsgeschichte und trägt in sich ihre erlösende Kraft. Deshalb sagt der hl. Alfons Maria Liguori: "Ein Ave Maria ist mehr wert als die ganze Welt." Derselbe Heilige bekennt, daß beim Beten des Ave die Hölle erbebe, weil durch diese Worte die Macht der Teufel gebrochen worden ist.
Das Beten des Ave Maria ist daher eine sehr wirksame Weise, sich die Früchte der Erlösung anzueignen und sie für die Welt zu erflehen. Der selige Dominikanerpater Alanus de Rupe sagt, daß es für diejenigen, die gegen das Ave Maria eine Verehrung im Herzen tragen, ein Zeichen der Auserwählung sei. Ungezählte Beispiele bestätigen, daß große Sünder, die es nicht unterließen, das Ave zu beten, sich vor ihrer Todesstunde bekehren konnten: "Pater Karl Bovio erzählt, daß in Dormans, in der Champagne, ein verheirateter Mann sündhaften Umgang mit einer anderen Frau hatte. Seine tiefbetrübte Ehefrau bat ohne Aufhören zu Gott, die Schuldige zu züchtigen, und eines Tages ging sie eigens vor den Altar der allerseligsten Jungfrau in einer Kirche, um gerechte Strafe auf diese Person herabzurufen. Vor demselben Bild pflegte auch jene täglich ein Ave zu sprechen. Des Nachts erschien nun einmal die göttliche Mutter im Traum der Ehefrau, welche, kaum daß sie Maria erblickt, sogleich ihre gewöhnliche Bitte begann: "Gerechtigkeit, o Mutter Gottes, Gerechtigkeit!" Doch unsere Liebe Frau versetzte: "Gerechtigkeit? Du begehrst von mir Gerechtigkeit? Geh, wende dich an andere, die sie dir verschaffen mögen, ich kann, was mich betrifft, sie dir nicht gewähren. Wisse, daß diese Sünderin täglich mit dem Ave mich begrüßt, und daß, wenn jemand dieses tut, ich nicht ertragen kann, daß er um seiner Sünden willen Züchtigung erleide." Da es Tag geworden, ging die Frau in die erwähnte Liebfrauenkirche, die heilige Messe zu hören. Beim Herausgehen begegnete sie jener Person, und als sie jener ansichtig wurde, fing sie an, sie zu beschimpfen und sie eine Hexe zu nennen, die durch ihre Hexereien selbst Unsere Liebe Frau verzaubert habe. Die Umstehenden wollten sie zum Schweigen bringen; doch es gelang ihnen nicht. "Es ist nur zu wahr, was ich sage", rief sie und erzählte ihr nächtliches Gesicht. Die Person aber bestätigte, daß sie jeden Tag das Ave bete, und so gerührt war, daß Maria um dieser geringen Andacht willen, ihr solche Barmherzigkeit erwiesen habe, daß sie sogleich zu dem Bild zurückeilte, sich niederwarf, alle wegen des gegebenen Ärgernisses um Verzeihung bat und immerwährende Enthalsamkeit gelobte. Danach nahm sie den Habit, ließ sich eine kleine Zelle in der Nähe der Kirche bauen, schloß sich darin ein und verharrte in ununterbrochener Buße bis zu ihrem Tod." (aus: Die Herrlichkeiten Mariens, hl. Alfons Maria Liguori, 9. Kapitel)
Maria wird von den Vätern "Allmacht auf Knien" genannt, weil Ihre Fürbittmacht am Throne Gottes alles zu bewirken scheint. Wie sollte auch ihr göttlicher Sohn Seiner Mutter eine Bitte verwehren, da Er ihr auf Erden Gehorsam geleistet hat.
Die Macht der Heiligen am Throne Gottes hängt von ihrer Gottesliebe ab, mit der sie sich zu Lebzeiten der Gnade geöffnet haben; aber auschließlich Maria ist "voll der Gnade", und deshalb ist sie als Königin des Himmels und der Erde mit einer Fürbittmacht ausgezeichnet, die keinem anderen Heiligen zukommt. Wenn die Gläubigen andächtig das Ave beten, machen sie sich diese Fürbittmacht zu eigen, da Maria keinem demütig Flehenden eine Bitte abschlagen wird: "Gedenke, gütigste Jungfrau Maria, von Ewig-keit ist es unerhört, daß einer, der zu dir seine Zuflucht nahm, der zu dir um Hilfe rief, der um deine Fürsprache bat, von dir verlassen wurde." (hl. Bernhard von Clairvaux)
Doch wir dürfen beim Beten des Ave Maria nicht nur der Erhörung unserer Bitten gewiß sein; auch die Fülle der Tugenden Mariens, die sich uns im Engelsgruß zeigen, werden unser Streben nach den Tugenden mit der göttlichen Gnade befruchten, die Maria in Fülle geschenkt worden ist.
Die Erlösung ist uns durch Christus geschenkt worden, auf die Vermittlung der allerseligsten Jungfrau Maria. Die Annahme der Erlösung durch jeden einzelnen Gläubigen muß daher auf denselben Wegen geschehen: Indem wir das Ave andächtig beten, wird und dies gewiß zuteil. Ave Maria, gratia plena
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