Die liturgische Vorbereitung auf das Osterfest:


.

Der sogenannte Osterfestkreis, jene Teile des Kirchenjahres, die mit dem Osterfest in Verbindung stehen, besteht aus drei großen Abschnitten. Der erste Abschnitt ist derjenige der Vorbereitung: Vorfasten und Fastenzeit, der zweite die eigentliche Festzeit, Ostern bis zum Ende der Pfingstoktav, und der Ausklang des ganzen, die Zeit nach Pfingsten.

Der Ostertermin:

Das Osterfest als solches kam aus dem Judentum in die alte Kirche, schon im 2. Jhdt ist aber der jüdische Inhalt (ein Rest davon ist die vierte Prophetie der Osternacht, die vom Auszug aus Ägypten handelt) vollkommen durch den christlichen Hauptinhalt von Tod und Auferstehung des Erlösers verdrängt. Das erste ökumenische Konzil von Nizäa (325) bestimmte den Sonntag nach dem ersten Frühlingsvollmond als Termin des Osterfestes.

Die Zeit der Vorbereitung auf das Osterfest:

In der ältesten Zeit lehnt sich Tertullian in seiner Streitschrift "de jejunio" gegen die laxe Fastenpraxis der afrikanischen Kirche auf und wirft ihr vor nur zwei Tage zu fasten. (Karfreitag und Karsamstag). Der Grund für diese zwei allgemein beobachteten Fasttage lag in dem Wort des Herrn: "Können denn die Gefährten des Bräutigams fasten, so lange dieser bei ihnen ist?" (Mt 9,14-15) Die Tage, an denen der Bräutigam der Kirche genommen war, Karfreitag und Karsamstag, wurden von jeher als Fasttage angesehen. Irenäus von Lyon (+ um 202 in Lyon) bezeugt für Südfrankreich, daß die einen nur einen Tag fasten, die anderen zwei, andere noch mehr, und wieder andere nehmen vierzig Stunden des Tages und der Nacht zu ihrem Tag zusammen. Aber schon Dionysius von Alexandrien (+265) bezeugt, daß es üblich war, die ganze Karwoche zu fasten. Seit Mitte des 3. Jhdts., besonders aber im 4. Jhdt. bürgerte sich allmählich eine vierzigtägige Vorbereitungszeit (Quadragesima) auf Ostern ein, die ganz allgemein als eine Zeit der Buße und religiösen Vertiefung angesehen wurde. Zum ersten Mal bezeugt ist die Quadragesima im 5. Kanon von Nizäa (325). Das Fasten hatte in dieser Vorbereitungszeit eine zentrale Rolle, obwohl es zuerst nur mit Unterbrechungen vierzig Tage dauerte. In Rom fastete man nur in der ersten Fastenwoche, in der Woche nach dem vierten Fastensonntag und in der Karwoche. Durch die Freiheit der Kirche nach der Konstantinischen Wende entsteht nun in der Kirche ein gesteigertes asketisches Ideal. Dies ist jene Zeit, in der sich das Mönchtum zu entwickeln beginnt und viel Einfluß auf das kirchliche Leben gewinnt. Das Beispiel des Erlösers (Mt 4,2 Vierzigtägiges Fasten in der Wüste), des Moses (Ex 34,28, Moses vierzig Tage und vierzig Nächte auf dem Berge Sinai ohne zu essen und zu trinken) und des Propheten Elias (3 Kön 19,8 er ging vierzig Tage und vierzig Nächte hin zum Gottesberg Horeb) führen dazu, ein ununterbrochenes Fasten von vierzig Tagen einzuführen. Die vierzig Tage wurden in dieser Zeit vom ersten Fastensonntag bis zum Abend des Gründonnerstages berechnet. Ab dem 5. Jhdt begann man nun, da an den Sonntagen nicht gefastet wurde und andererseits Karfreitag und Karsamstag hinzugezählt wurden, und man so nur auf 36 Tage kam, den Widerspruch zu den biblischen Tagen auszugleichen und die Tage bis zum Aschermittwoch hinzuzunehmen.

Die Zeit der Vorbereitung teilt sich, so wie sie heute vor uns liegt, in drei Teile: Die Vorfastenzeit, die Fastenzeit und die Passionszeit.

Die Vorfastenzeit:

Die sogenannte Vorfastenzeit - Vor- weil sie der eigentlichen Fastenzeit vorgelagert ist - umfaßt die drei Sonntage: Septuagesima, Sexagesima, Quinquagesima. Diese Zahlen geben keine genaue Entfernung zum Osterfest an, sondern nur die Zeiträume innerhalb derer die Sonntage zu liegen kommen. So wie wir sie heute kennen stammen sie aus dem 6./7. Jahrhundert. Nach der 4. Synode von Orleans im Jahre 541 hatten einige Kirchen in Südgallien und Oberitalien ihre Fastenzeit in eine Quinquagesima oder Sexagesima ausgeweitet. Der Grund war das Wegfallen des Fastens am Sonntag und teilweise auch am Samstag. Erst als die Kirche die Fastenzeit um die Wende des 5./6. Jhdts. einheitlich auf vierzig Tage regelte, bekamen diese Sonntage den Charakter einer Art Vorspann. In der zweiten Hälfte des 6.Jhdts tritt die Vorfastenzeit auch in Rom auf und seit dem beginnenden 7. Jhdt ist sie allgemein nachweisbar. Spätestens seit dem 9. Jhdt entfallen nachweislich das Gloria (in der Tagesmesse) und das Alleluja (in jeder Messe) in dieser Zeit. An Stelle des Alleluja tritt in diese Zeit der Tractus.

Amalar von Metz (+ 850 in Metz) bezeichnet in seinem Liber officialis von 823 Vorfastenzeit als Nachbild des babylonischen Exils. Damals schwieg die Harfe und die Lieder der Exilanten wegen der Bußtrauer (vgl. Ps 136), in der Kirche schweigen wegen der Buße die Freudenrufe: Gloria, Alleluja und Te Deum. In der ersten Vesper von Septuagesima gibt es dafür nach dem Benedicamus Domino zwei Alleluja, wie dies in der Osteroktav der Brauch ist. Dieser heutige Brauch ist ein Rest der mittelalterli-chen Allelujaoffizien, mit denen das Ende des Alleluja feierlich besungen wurde. Zusätzlich dazu entstanden noch eigene heute merkwürdig erscheinende Bräuche. In der Kathedrale von Toul wurde noch im 15. Jhdt ein eigenes Begräbnis des Alleluja veranstaltet. Chorknaben trugen nach der Non des Samstags ein das Alleluja darstellendes Bild oder eine Puppe unter Vortragung eines Kreuzes durch den Chor zum Begräbnis in den Kreuzgang, wobei wie bei einem wirklichen Begräbnis Lichter, Weihwasser und Weihrauch verwendet wurden. Noch bizarrer aber mutet der Brauch einer französischen Kirche an, wo eine Strohpuppe, auf welcher in goldenen Lettern Alleluja geschrieben stand, von den Chorknaben unter Schlägen aus dem Presbyterium getrieben wurde.

Im Brevier beginnt gleichsam das Kirchenjahr mit dem Sonntag Septuagesima, weil an diesem Tag mit der Lesung der Genesis in der Matutin begonnen wird. Ostern ist das Gedächtnis der Erlösung und die Vorbereitung zeigt warum eine solche Erlösung notwendig wurde.

Die Stationskirchen:

Eine besondere Eigenheit der Vorfastenzeit wie auch der Fastenzeit ist die Anmerkung der Stationskirchen zu Beginn des jeweiligen Meßformulars. Diese zeigen in besonderer Weise den Zusammenhang unserer Liturgie mit der stadtrömischen Liturgie der nachkonstantinischen Zeit. In den stadtrömischen liturgischen Büchern des 7.Jhdts. tritt uns das Wort "Statio" als Bezeichnung einer bestimmten und charakteristischen gottesdienstlichen Feier entgegen. Der Begriff deutet, an einzelnen Festen und Tagen des Kirchenjahres, einen vom Papst selbst oder, falls dieser verhindert war, von seinem Stellvertreter in einer bestimmten Kirche, der Stationskirche, mit besonderer Feierlichkeit abgehaltenen eucharistischen Gottesdienst an, an dem ein großer Teil des stadtrömischen Klerus mit den suburbikarischen Bischöfen sowie Gläubige aus allen Regionen der Stadt teilnahmen. Dabei versammelte sich der Klerus mit dem Volke vorher in einem nicht zu weit von der Kirche entfernten Gotteshaus zur "Collecta", bei der eine besondere Oration gesprochen wurde, worauf sich alle in Prozession, unter Psalmengesang und Litaneigebeten, in jene Basilika, in der die eucharistische Stationsfeier stattfand, begaben. Diese Stationskirchen waren genau bestimmt, so daß jedes Jahr am jeweiligen Stationstage die Feier immer in der gleichen Kirche gehalten wurde. Hier sei nur die Stadt Rom selbst betrachtet, obwohl sich das Stationswesen auch für andere Städte des Altertums belegen läßt.

Als die Zahl der Christen sich nach der valerianschen Verfolgung (258) rasch vermehrte, reichte ein Ver-sammlungsort nicht mehr aus. Ab diesem Zeitpunkt ist es nachweisbar, daß die römische Kirche in den verschiedenen Regionen der Stadt mehrere Häuser besaß, in denen Kleriker wohnten und die für den Kult genutzt wurden. Diese sind zum großen die bis heute noch bestehenden Titelkirchen der Stadt Rom. Der römische Bischof besaß in dieser Zeit selbst keine eigene Bischofskirche, denn St. Johann im Lateran ist erst konstantinische Stiftung, und so kam es, daß der Papst einmal hier und einmal dort das hl. Opfer darbrachte. An diesem Ort kam dann auch eine größere Anzahl von Christen aus der Stadt zusammen. Man darf annehmen, daß die jeweilige Statio bei der vorhergehenden bekanntgegeben wurde. Diese feierliche Kultusversammlung unter der Leitung des Bischofs wurde wohl an den betreffenden liturgischen Tagen zuerst in der Frühe abgehalten, und später fand dann der Gottesdienst in den jeweiligen Titelkirchen statt, an denen die betreffenden Presbyter die Gläubigen der umliegenden Stadtviertel um sich versammelten.

Ebenfalls bildet sich im Laufe des 3. Jhdts. die Verehrung der Märtyrer am Todestag mit einer Statio an ihren jeweiligen Begräbnisplätzen aus. Der Kernpunkt der Feier war die Darbringung des eucharistischen Opfers am Grabe des Märtyrers, entweder in der unterirdischen Krypta selbst, wo er ruhte, falls diese genügend Raum bot, oder in einem eigenen, für die Versammlungen zum Gedächtnis der Toten über der Katakombe gegebenen Raum. Für diese gottesdienstlichen Feiern zu Ehren der Märtyrer war der Ort, an dem sie stattfand, von selbst gegeben: es war die Grabstätte des Blutzeugen, seit dem 4. Jhdt. häufig die Basilika, die im Cömeterium selbst über der Grabkammer entstanden war.

Die liturgische Stationsfeier blieb gleichsam der äußere Gedanke der Einheit der römischen Gemeinde, nachdem durch die Titelkirchen eine gewisse Teilung in lokale Gruppen eingetreten war. Nach der konstantinischen Wende 313 beginnt sich die römische Liturgie auszufalten. Die Fastenzeit wird ausgebaut und zur Zeit des Fastens und der Buße und der Vorbereitung auf die Taufe. Der römische Brauch der öffentlichen Kirchenbuße und damit gesonderte Behandlung der öffentlichen Büßer wird verfestigt. In dieser Zeit bekommen fast alle Tage der Fastenzeit ein eigenes Meßformular. Jeder Gottesdienst der Fastenzeit hatte den Charakter des feierlichen Stationsgottesdienstes und fand in der jeweiligen Stationskirche statt. Einzelne Tage wurden durch Prüfungen der Taufkandidaten ausgezeichnet. Einzelne davon waren wiederum mit besonderer Feierlichkeit umgeben. Am ersten Tage der Fastenzeit wurden die öffentlichen Büßer unter entsprechenden Gebeten und Zeremonien (Knien in Asche, Auflegen von Asche) in ihre Bußzeit eingeführt, die mit der Wiederaufnahme und Lossprechung am Gründonnerstage ihr Ende hatte. Vor dem Jahre 600 kommen die oben erwähnten Collectae vor allem in der Fastenzeit, aber auch an den Festen hinzu, wo eine eigene Oration gebetet wird, anschließend geht es unter Litaneien und Psalmengesang hin zur Stationskirche, in der die Messe gelesen wird. Im Mittelalter war die Collecta und die Prozession an allen Tagen der Fastenzeit bis Mittwoch in der Karwoche einschließlich in Gebrauch, mit Ausnahme der Sonntage. Wir sehen dies aus einem etwa dem 11.-12. Jhdt. angehörenden Verzeichnis der Stationskirchen, wo für alle Tage der Quadragesima auch jedes Mal die Kirche für die Collecta verzeichnet ist. Sehr verdient um die Ordnung der Statio machte sich Papst Gregor der Große, der die Stationsfeiern in unsere heute noch bestehende Ordnung brachte. Von ihm sind auch viele Predigten erhalten, die er aus Anlaß der Stationsmessen in den Basiliken gehalten hat. Die in unserem Missale angegebenen Stationskirchen sind in der Regel immer noch diejenigen, die sich in den ersten erhaltenen Verzeichnissen des 7. Jhdts. finden.

Die Vorfastensonntage:

Ältester Zeuge für die Feier in Rom ist das Lektionar von Würzburg aus dem Anfang des 7. Jhdts. Der Ursprung liegt also ziemlich sicher vor der Zeit Gre-gors des Großen. Den Sonntagen der Vorfastenzeit wurde von Anfang an die gleiche Bedeutung beigelegt wie denen der Fastenzeit. Ihre Feier fand in den drei großen Friedhofskirchen St. Laurentius, St. Paul und St. Peter statt.

Septuagesima: St. Laurentius vor dem Mauern

Epistel und Evangelium sind bis heute die gleichen wie in dem Würzburger Lektionar. Die Orationen sind seit dem beginnenden 8. Jhdt belegt. Das ganze Meßformular ist beherrscht vom Gedanken der Buße, der ernsten inneren Erneuerung, des Strebens nach dem ewigen Lohn, dem unvergänglichen Kaufpreis. Die bösen Zeiten, die Rom im 6. Jhdt. durchmachte und die als Strafe für die Sünden der Gläubigen aufgefaßt wurden, mögen die Aus-wahl der Antiphonen und den Inhalt der Gebete ebenfalls beeinflußt haben. Der Gedanke an die Marter, die der hl. Laurentius erlitt und die ihm die herrliche Siegeskrone des Martyriums verschaffte, ist wohl geeignet bei der Erinnerung an die für die Sünden verdienten Leiden hoffnungsvolles Vertrauen in den Seelen der Gläubigen zu wecken.

Sexagesima: St. Paul vor dem Mauern

Die Basilika erhebt sich über der Ruhestätte des Apostelfürsten an der Via Ostiense. Das Formular der feierlichen Stationsmesse nimmt in reichem Maße Rücksicht auf den Ort der Feier, ein sicherer Beweis, daß von Anfang an die Statio dieses Sonntags nach St. Paul verlegt wurde. Die erste Oration betont, daß die Gläubigen nicht auf ihr eigenes Wirken vertrauen, und daher Gott bitten, er möge sie durch den Schutz des Völkerapostels gegen alle feindli-chen Gewalten sichern. Die Epistel enthält die hochwertige Schilderung der Leiden und himmlischen Verzückungen des hl. Paulus aus 2 Kor 11. Auch das Evangelium, die Parabel vom Sämann nach Lk 8, ist im Würzburger Evangeliar für diesen Tag bezeichnet; wie eindrucksvoll mußten diese Aussprüche Christi sein, die zum treuen Festhalten am Worte Gottes mit reinem Herzen und in Geduld ermahnten, den Verlockungen und Sorgen der Welt gegenüber, wenn das Beispiel des Völkerapostels zu seiner Erfüllung aneiferte.

Quinquagesima: St Peter

Das Formular der Messe nimmt keinerlei Bezug auf die Stationskirche. Introitus wie Graduale und Traktus drücken besonders das unerschütterliche Vertrauen auf den Schutz und die Hilfe Gottes aus; die Orationen nehmen wieder Bezug auf die Befreiung aus Sündenschuld, von den Lesungen bringt die Epistel das Hohe Lied des Paulus von der Liebe, das Evangelium die Vorhersage des Leidens durch Christus.

.


zurück


.