Schreiben Papst Benedikt XVI. an die Priester:


Das Geschenk des Priestertums

"Das Priestertum ist die Liebe des Herzens Jesu", pflegte der heilige Pfarrer von Ars zu sagen. Dieses Wort lässt uns bewusst werden, welch unermessliches Geschenk Gottes die Priester für die Kirche und die Menschheit überhaupt sind.

Der Pfarrer von Ars war äußerst demütig, doch wusste er, dass er als Priester ein unermessliches Geschenk für seine Leute war: "Ein guter Hirte, ein Hirt nach dem Herzen Gottes, ist der größte Schatz, den der liebe Gott einer Pfarrei gewähren kann, und eines der wertvollsten Ge-schenke der göttlichen Barmherzigkeit." Er sprach vom Priestertum, als könne die Größe der ihm anvertrauten Gabe einfach nicht fassen: "Oh, wie groß ist der Priester! Wenn er sich selbst verstünde, würde er sterben. Gott gehorcht ihm: Er spricht zwei Sätze aus, und auf sein Wort hin steigt der Herr vom Himmel herab und schließt sich in die kleine Hostie ein."

Und als er seinen Gläubigen die Bedeutsamkeit der Sakramente erklärte, sagte er: "Ohne das Sakrament der Weihe hätten wir den Herrn nicht. Wer hat ihn da in den Tabernakel gesetzt? Der Priester. Wer hat Eure Seele beim ersten Eintritt in das Leben aufgenommen? Der Priester. Wer nährt sie, um ihr die Kraft zu geben, ihre Pilgerschaft zu vollenden? Der Priester. Wer wird sie darauf vorbereiten, vor Gott zu erscheinen, indem er sie zum letzten Mal im Blut Jesu Christi reinwäscht? Der Priester, immer der Priester. Und wenn diese Seele durch die Sünde stirbt, wer wird sie auferwecken, wer wird ihr die Ruhe und den Frieden geben? Wieder der Priester. Nach Gott ist der Priester alles! Erst im Himmel wird er sich selbst recht verstehen."

Diese Worte offenbaren die außerordentliche Achtung, die er dem Sakrament des Priestertums entgegebrachte. Er schien überwältigt von einem grenzenlosen Verantwortungsbewusstsein: "Wenn wir recht begreifen würden, was ein Priester auf Erden ist, würden wir sterben: nicht vor Schreck, sondern aus Liebe. Ohne den Priester würden der Tod und das Leiden des Herrn nichts nützen. Der Priester ist es, der das Werk der Erlösung auf Erden fortführt. Was nütze uns ein Haus voller Gold, wenn es niemanden gäbe, der uns die Tür dazu öffnet? Der Priester besitzt die Schlüssel zu den himmlischen Schätzen: Er ist es, der die Tür öffnet; er ist der Haushälter des lieben Gottes; der Verwalter seiner Güter. Der Priester ist nicht Priester für sich selbst, sondern für euch."

Das Werkzeug Jesu Christi

Als Johannes Maria Vianney nach Ars, einem kleinen Dorf in Frankreich kam, wurde er vom Bischof vorgewarnt: "Es gibt in dieser Pfarre nicht viel Liebe zu Gott; Sie werden sie dort einführen." Folglich war er sich bewusst, dass er dort hingehen musste, um die Gegenwart Christi zu verkörpern, indem er den Menschen die heilbringende Sanftmut Christi bezeugte. "Mein Gott, gewähre mir die Bekehrung meiner Pfarre; ich will dafür alles erleiden, was Du willst, mein ganzes Leben lang!" - mit diesem Gebet begann er seine Mission. Der Bekehrung seiner Pfarre widmete sich der heilige Pfarrer mit all seinen Kräften und stellte die christliche Bildung des ihm anvetrauten Volkes an erste Stelle.

Der Pfarrer von Ars begann sofort mit dieser demütigen und geduldigen Arbeit, sein Leben als Priester mit der Heiligkeit des ihm anvertrauten Dienstes in Einklang zu bringen und man sagte, dass er sogar in seiner Pfarrkirche "wohne": Vor dem Morgenrot betrat er die Kirche und kam erst nach dem abendlichen Angelus wieder heraus. "Dort musste man ihn suchen, wenn man ihn brauchte", heißt es in einer Biographie.

Der heilige Pfarrer verstand es auch, im gesamten Gebiet seiner Pfarre zu wohnen: Er besuchte die Kranken und die Familien; er organisierte Volksmissionen und Patronatsfeste; er sammelte und verwaltete Geld für seine karitativen und missionarischen Werke; er verschönerte seine Kirche und stattete sie mit Kirchengerät aus; er kümmerte sich um Waisenmädchen und ihre Erzieherinnen; er kümmerte sich um die Schulausbildung der Kinder; er gründete Bruderschaften und forderte die Gläubigen zur Mitarbeit auf..

Das Sakrament des Altares

Die Mitglieder seiner Pfarre belehrte der heilige Pfarrer vor allem mit dem Zeugnis seines Lebens. Durch sein Vorbild lernten die Gläubigen beten und verharrten gerne beim eucharistischen Jesus im Tabernakel. "Es ist nicht nötig, viel zu sprechen, um gut zu beten", erklärte der heilige Pfarrer. "Man weiß, dass Jesus dort ist, im heiligen Tabernakel: Öffnen wir ihm unser Herz, freuen wir uns über seine heilige Gegenwart. Das ist das beste Gebet."

Die Erziehung der Gläubigen zur eucharistischen Gegenwart und zum würdigen Kommunionempfang wurde besonders wirkkräftig, wenn die Gläubigen ihn das heilige Mesopfer zelebrieren sahen. Wer ihm beiwohnte, sagte, dass es nicht möglich war, eine Gestalt zu finden, welche die Anbetung besser ausgedrückt hätte. Er betrachtete die Hostie liebevoll.

Der Pfarrer von Ars war überzeugt, dass von der Messe der ganze Eifer eines Priesterlebens abhängt: "Die Ursache der Erschlaffung des Priesterlebens liegt darin, dass er bei der Messe nicht aufmerksam ist! Mein Gott, wie ist ein Priester zu beklagen, der so zelebriert, als ob er etwas Gewöhnliches täte." Und er hatte es sich zur Gewohnheit gemacht, bei der Zelebration sich immer auch das eigene Leben aufzuopfern: "Wie gut tut ein Priester, wenn er Gott sich selbst als Opfer darbringt!"

Das Sakrament der Buße

Die Nähe des Kreuzesopfers ind er heiligen Messe führte ihn vom Altar zum Beichtstuhl. Die Priester dürfen niemals resignieren, wenn sie iher Beichtstühle verlassen sehen.

Zur Zeit des heiligen Pfarrers von Ars war in Frankreich die Beichte weder einfacher, noch häufiger als in unseren Tagen. Doch ließ er auf alle Arten, durch Predigt und überzeugenden Ratschlag, die Mitglieder seiner Pfarre die Schönheit der Beichte wieder neu entdecken. Er zeigte den Menschen vor allem den innerlich notwendigen Zusammenhang mit dem Altarsakrament heraus.

Durch seine langen Aufenthalte in der Kirche vor dem Tabernakel erreichte er, dass die Gläubigen damit begannen, es ihm nachzutun; sie begaben sich dorthin, um Jesus zu besuchen, und waren zugleich sicher, den Pfarrer anzutreffen, der bereit war zum Hören und zum Vergeben.

Später war es dann die wachsende Menge der Bußfertigen aus ganz Frankreich, die ihn bis zu 16 Stunden täglich im Beichtstuhl hielten. Man sagte damals, Ars sei "das große Krankenhaus der Seelen" geworden. "Die Gnade, die er für die Bekehrung der Sünder empfing, war so stark, dass sie ihnen nachging, ohne ihnen einen Moment der Ruhe zu lassen."

Der heilige Pfarrer sagte: "Nicht der Sünder ist es, der zu Gott zurückkehrt, um ihn um Vergebung zu bitten, sondern Gott selbst läuft dem Sünder nach und lässt ihn zu sich zurückkehren. Der gute Heiland ist so von Liebe erfüllt, dass er uns überall sucht."

Die Priester sollen verkünden, dass der Herr immer bereit ist, die Sünder zu empfangen und dass seine Barmherzigkeit unbegrenzt ist. Vom heiligen Pfarrer von Ars können die Priester nicht nur ein unerschöpfliches Vertrauen ins Bußsakrament lernen, das uns drängt, es wieder ins Zentrum der Pastoralen Sorge zu setzen, sondern auch die Methode des "Dialogs des Heils".

Zeuge der Barmherzigkeit

Der Pfarrer von Ars hatte gegenüber den verschiedenen Büßern eine jeweils unterschiedliche Verhaltensweise. Wer zu ihm in den Beichtstuhl kam, weil er von einem inneren und demütigen Bedürfnis nach der Vergebung Gottes angezogen war, fand bei ihm die Ermutigung, in den Strom der göttlichen Barmherzigkeit einzutauchen, der in seiner Wucht alles mit sich fortreißt.

Und wenn jemand niedergeschlagen war bei dem Gedanken an seine Schwäche und Unbeständigkeit und sich vor zukünftigen Rückfällen fürchtete, offenbarte der Pfarrer das Geheimnis Gottes mit einem Ausspruch rührender Schönheit: "Der liebe Gott weiß alles. Noch bevor ihr sündigt weiß er schon, dass ihr wieder sündigen werdet, und trotzdem vergibt er euch. Wie groß ist die Liebe unseres Gottes, der so weit geht, freiwillig die Zukunft zu vergessen, nur damit er uns vergeben kann!"

Wer sich dagegen lau und fast gleichgültig anklagte, dem bot er durch seine eigenen Tränen die Einsicht, wie abscheulich diese Haltung sei: "Ich weine, weil du nicht weinst", sagte er. "Wenn der Herr bloß nicht so gut wäre! Aber er ist so gut! Man muss ein Barbar sein, um sich einem so guten Vater gegenüber so zu verhalten!" Er liess die Reue im Herzen der Lauen aufkommen, indem er ihnen das Leiden des Herrn für die Sünden Augen zu führen.

Wer hingegen nach einem tiefen geistlichen Leben verlangte, dem eröffnete er die Tiefen der Liebe Gottes, indem er erklärte wie schön es ist, mit Gott vereint und in seiner Gegenwart zu leben: "Alles unter den Augen Gottes, alles mit Gott, alles, um Gott zu gefallen. Wie schön ist das!" Und er lehrte sie beten: "Mein Gott, erweise mir die Gnade, dich so sehr wie möglich zu lieben."

Zeuge der Wahrheit

Der Pfarrer von Ars hat das Herz und das Leben so vieler Menschen verändert, indem er ihnen die barmherzige Liebe des Herrn wahrnehmen ließ. Auch in unserer Zeit ist eine solche Verkündigung und ein solches Zeugnis der Wahrheit und der Liebe dringend, denn "Gott ist die Liebe" (1 Joh 4,8).

In der Welt von heute ist es ebenso nötig wie in der schwierigen Zeit des Pfarrers von Ars, dass die Priester sich in ihrem Leben und Handeln durch ein starkes Zeugnis für das Evangelium auszeichnen. Papst Paul VI. hat zu recht bemerkt: "Der heutige Mensch hört lieber auf Zeugen, als auf Gelehrte, und wenn er auf Gelehrte hört, dann deshalb, weil sie Zeugen sind."

Damit die Wirksamkeit unseres Dienstes nicht gefährdet wird, müssen wir uns immer neu fragen: "Sind wir wirklich durchtränkt vom Wort Gottes? Ist es wirklich die Nahrung, von der wir leben, mehr als vom Brot und den Dingen dieser Welt? Lieben wir es? Prägt es unser Leben und formt es unser Denken?" Wie die Apostel zuerst bei Jesus waren und dann erst zum Predigen ausgesandt wurden, so sind auch die Priester von heute berufen sich diesen apostolischen Lebensstil zu eigen zu machen.

Die evangelischen Räte

Der Pfarrer von Ars verstand es die "evangelischen Räte" in seiner Situation als Priester angemessen zu leben.

Seine Armut war nicht die eines Ordensmannes, sondern jene die von einem Weltpriester verlangt wird: Er wirtschaftetet zwar mit viel Geld, wusste er, dass alles seiner Kirche, seinen Armen, seinen Waisen und den Not leidenden Familien zugedacht war. Darum war er reich, um den anderen zu geben, und sehr arm für sich selbst. Er erklärte: "Mein Geheimns ist einfach: Alles geben und nichts behalten." Wenn er mit leeren Händen da stand, sagte er zu den Armen, die sich an ihn wendeten: "Heute bin ich arm wie ihr, bin einer von euch."

Auch seine Keuschheit war so, wie sie für den Dienst eines Priesters notwendig ist. Man kann sagen, es war die angemessene Keuschheit dessen, der gewöhnlich die Eucharstie berühren muss und der sie in seinem Herzen betrachtet und mit der ganzen Begeisterung an die Gläubigen austeilt. Man sagte von ihm, "die Keuschheit strahle in seinem Blick", und die Gläubigen bemerkten es, wenn er mit den Augen eines Verliebten zum Tabernakel schaute.

Sein Gehorsam bestand in der oft leidvoll errungenen inneren Einwilligung in die täglichen Anforderungen seines Amtes. Es ist bekannt, wie sehr ihn der Gedanke an seine Unzulänglichkeit für den Dienst als Pfarrer quälte und wie er wünschte, "in der Einsamkeit sein armes Leben zu beweinen".

Nur sein Gehorsam und die Leidenschaft für die Seelen konnten ihn überzeugen an seinem Platz zu bleiben. Sich selbst und seinen Gläubigen erklärte er: "Es gibt nicht zwei gute Arten, Gott zu dienen. Es gibt nur eine einzige: ihm so dienen, wie er es will."

Seine Liebe zur Gottesmutter

Kurz bevor der Pfarrer von Ars seine lange verdienstvolle Laufbahn beendet hatte, war in einem anderen Teil Frankreichs die Unbefleckte Jungfrau einem demütigem und reinen Mädchen erschienen, um ihm eine Botschaft des Gebetes und der Buße zu übermitteln. Das Leben des heiligen Priesters war im Voraus eine lebendige Darstellung der Wahrheiten, die der Seherin von Massabielle vermittelt wurden. Er selbst hegte für die Unbefleckte Empfängnis der allerseligsten Jungfrau eine glühende Verehrung. Schon 1836 hatte er seine Pfarre der ohne Ersünde empfangenen Jungfrau geweiht.

Der heilige Pfarrer erinnerte seine Gläubigen immer daran, dass "Jesus Christus, nachdem er alles gegeben hatte, uns noch das Wertvollste, das er besass, schenkte, nämlich seine Mutter".

Der Heilige als Vorbild

Mit seinem eifrigen Gebetsleben und seiner Liebe zum gekreuzigten Jesus nährte Johannes Maria Vianney seine rückhaltlose Hingabe an Gott und die Kirche. Trotz des Übels, das es in der Welt gibt, sind die Worte Christi im Abendmahlsaal stets aktuell: "In der Welt seid ihr in Bedrängnis; aber habt Mut: Ich habe die Welt besiegt" (Joh 16,33).

Der Glaube an den göttlichen Meister gibt uns die Kraft vertrauensvoll in die Zukunft zu schauen. Nach dem Vorbild des Pfarrers von Ars sollen die Priester sich von Christus vereinnahmen lassen. Dann sind sie auch in der Welt von heute Boten der Hoffnung, der Versöhnung und des Friedens.

Aus dem Vatikan, am 16.6.2009 Papst Benedikt XVI.

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