Dritte Ansprache auf Ostern

Hl. Bernhard von Clairvaux


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Siebenmaliges Eintauchen Naamans im Jordan. Heilung vom siebenfachen Aussatz.
Die sieben Erscheinungen des auferstandenen Herrn als die Sinnbilder der sieben Gaben des Heiligen Geistes.

Bei der körperlichen Heilung werden zuerst reinigende, dann stärkende Mittel angewendet. Zuerst müssen dem Körper die schädlichen Säfte entzogen, dann muß er mit gesunden Speisen gekräftigt werden. So macht es auch der Seelenarzt, Christus, der Herr. Sein ganzes Leben im Fleische ist ja nur eine Heilsarznei. Vor seinem Leiden gab er sieben Reinigungsmittel an. Nach seiner Auferstehung bot er ebenso viele heilsame, süße Speisen dar.

Unser Elisäus ließ den aussätzigen Naaman siebenmal im Jordan, der Abstieg bedeutet, untertauchen. Im Herabsteigen unseres Herrn Jesus Christus, d.i. in der Demut seines Wandels vor seinem Leiden, werden wir gesäubert und gereinigt. In seiner Auferstehung aber und in seinem Leben während der folgenden vierzig Tage werden wir mit köstlichen Speisen gestärkt und genährt. Siebenfach erfaßte uns der Aussatz des Stolzes im Eigenbesitz, in der Kleiderpracht, in der Lüsternheit des Leibes, zweifach im Munde und zweifach im Herzen.

Der erste ist der Aussatz des Eigentums; durch ihn möchten wir reich sein in dieser Welt. Wir werden jedoch davon gereinigt, wenn wir in den Jordan untertauchen, d.h. Durch das Herabsteigen Christi. Obwohl er reich war, ist er unseretwegen arm geworden. So finden wir geschrieben er stieg herab von den unbeschreiblichen Reichtümern des Himmels und kam auf die Welt ohne ein Verlangen nach diesen nichtigen Reichtümern. Er kam vielmehr in solcher Armut, daß er sogleich nach der Geburt in eine Krippe gelegt wurde, weil sich in der Herberge für ihn kein Platz fand. Wer wüßte endlich nicht, daß der Menschensohn keine Stätte hatte, wohin er sein Haupt hätte legen können? Wie wird einer die Reichtümer dieser Welt suchen, der hier - bei der Betrachtung der Erniedrigung des Gotteswortes - recht eingetaucht wird? Wahrhaftig, eine große, ja überaus große Verkehrtheit ist es, daß ein armseliges Würmlein reich sein will, für das der Gott der Herrlichkeit und der Herr der Heerscharen arm werden wollte!

Unter dem Kleideraussatze verstehe alle eitle Pracht dieser Welt! Davon reinigt dich ebenfalls ein Untertauchen im Jordan. Dort wirst du den Gesalbten des Herrn finden in Windeln eingehüllt, der Leute Spott, verachtet vom Pöbel.

Auch vom Aussatz des Leibes werden wir in eben diesem Jordan gereinigt, wenn wir gut über das Leiden des Herrn nachdenken und uns schämen der Sinnenlust nachzugehen. Im Munde zeigt sich nun, wie gesagt, ein zweifacher Aussatz. Bei widrigen Ereignissen murren wir, und aus unserem Munde fließt dann das Wort der Ungeduld wie der Eiter des Aussatzes. Wir werden aber davon gereinigt, wenn wir auf den blicken, der sich wie ein Lamm zur Schlachtbank führen ließ und seinen Mund nicht, der geschmäht ward und dafür nicht schmähte, der litt und dafür nicht drohte. Im Glück empfehlen wir uns selbst, im Gegensatz zu dem, der sagte: Nicht der ist bewährt, der sich selber empfiehlt, sondern nur der, den der Herr empfiehlt. Eine Selbstempfehlung, nicht in großer Geduld, sondern voll Anmaßung. Hier befleckt uns der andere Aussatz des Mundes, das Wort der Prahlerei. Um von ihm gereinigt zu werden, müssen wir im Jordan untertauchen und den nachahmen, der nicht seine Ehre suchte. Als die Teufel laut riefen, daß er der Sohn Gottes sei, gebot er ihnen Schweigen, und die Blinden, die er mit dem Augenlicht beschenkte, durften nicht sprechen.

Auch im Herzen findet sich ein doppelter Aussatz: der Eigenwille und der Eigensinn. Diese beiden Arten des Aussatzes sind überaus schlimm und umso gefährlicher, je tiefer sie sitzen. Eigenwillen nenne ich den Willen, der uns nicht mit Gott und den Mitmenschen gemeinsam, sondern nur uns eigen ist. Wir sind eigenwillig, wenn wir nicht die Ehre Gottes und den Nutzen der Brüder, sondern uns selbst im Auge haben, wenn wir nicht das Wohlgefallen Gottes und das Heil der Brüder anstreben, sondern den Neigungen des eigenen Herzens willfahren. Diesem Willen steht schnurgerade die Liebe entgegen, die Gott ist; denn der Eigenwille hat ständig Feindschaft mit Gott und führt den grausamsten Krieg gegen ihn. Was haßt denn Gott und was bestraft er mehr als den Eigenwillen? Es verschwinde der Eigenwille - und es gibt keine Hölle mehr! Denn gegen wen wird das Höllenfeuer wüten, wenn nicht wider den Eigenwillen? Auch wenn wir jetzt Kälte oder Hunger oder dergleichen ertragen, ist es nicht der Eigenwille der verletzt wird? Wenn wir dies alles willig hinnehmen, so ist dadurch der Wille schon gemeinsam. Allein eine gewisse Schwäche und gleichsam ein Kitzel des Willens fühlen wir noch immer, und darum erdulden wir alle Strafen, bis der Eigenwille sich völlig aufgezehrt hat. Wille heißt eigentlich das, wozu wir unsere Zustimmung geben und worauf sich die freie Wahl richtet. Wünsche und Begierden, die und wider Willen befallen, sind nicht Wille sondern Verderbtheit unseres Willens. Die Sklaven des Eigenwillens mögen nun mit Furcht vernehmen, mit welcher Wut der Eigenwille gegen den Herrn der Herrlichkeit ankämpft. Denn erstens entreißt er sich gänzlich der Herrschaft dessen, dem er als seinem Urheber mit Recht hätte dienen sollen, während er sich als eigener Herr benimmt. Doch gibt er sich etwa mit dieser Rechtsverletzung zufrieden? Mitnichten! Er geht noch weiter und vergreift sich, soweit er es vermag, auch an Gottes Eigentum. Denn welche Schranke setzt sich die menschliche Begierlichkeit? Denken wir an einen Menschen, der durch Wucher etwas Geld gewinnt. Würde er nicht gleicherweise die ganze Welt zu gewinnen trachten, wenn es ihm nicht an der Möglichkeit gebräche, wenn dem Willen die Macht hinreichte? Ich wage kühn zu sagen: Keinem, der dem Eigenwillen dient, könnte die ganze Welt genügen! Wenn er doch wenigstens damit zufrieden wäre und - mich schaudert es zu sagen - nicht gegen den Schöpfer selbst wütete! Nun aber vernichtet der Eigenwille, soviel an ihm liegt, Gott selbst. Er möchte in der Tat, daß Gott seine Sünden überhaupt nicht strafen könnte oder strafen wollte, oder daß er sie nicht kennte. Er will also, daß Gott überhaupt nicht Gott sei, will er doch, soviel an ihm liegt, daß Gott ohnmächtig oder ungerecht oder unwissend sei. Das ist fürwahr eine grausame und höchst fluchwürdige Bosheit, die Gottes Macht, Gerechtigkeit und Weisheit vernichtet wissen will! Dies ist ein grausames Tier, das schlimmste Tier, der reißendste Wolf, der wütendste Löwe. Das ist der abscheulichste Aussatz der Seele. Um ihn zu heilen, muß man im Jordan untertauchen und den nachahmen, der nicht gekommen ist, seinen Willen zu tun. Denn so sprach er in seinen Leiden: Doch nicht mein Wille geschehe, sondern der deine!

Der Aussatz des Eigensinns aber ist umso verderblicher, je verborgener er ist. Denn je mehr er um sich greift, umso gesünder kommt man sich vor. An diesem Aussatz kranken Menschen, die zwar für Gott Eifer entwickeln, der aber nicht von der Erkenntnis gleitet ist. Sie folgen vielmehr ihrer irrigen Meinung und verharren hartnäckig darin, so daß sie für anderen Rat völlig unzugänglich sind. Leute dieser Art zerreißen die Einheit, sind Feinde des Friedens, Menschen ohne Liebe von Eitelkeit aufgeblasen, selbstgefällig und groß in ihren eigenen Augen. Sie kennen Gottes Gerechtigkeit nicht und wollen ihre eigene unterschieben. Gibt es einen größeren Hochmut, als daß ein Mensch seine Absicht höher einschätzt als die der ganzen Gemeinde, wie wenn er allein den Geist Gottes hätte? Widerstehen ist ebenso Sünde wie Wahrsagerei. Eigenmächtigkeit so viel als Götzendienst. Die mögen gehen, die sich für frömmer halten als die anderen, die nicht so sind wie die übrigen Menschen. Siehe sie sind Wahrsager und Götzendiener geworden, wenn anders man wenigstens dem, der so gesprochen hat, mehr Glauben schenken darf als ihnen selbst. Hiermit stimmt das Wort der ewigen Weisheit überein: Hört er auch auf die Kirche nicht, dann gelte er dir wie ein Heide und Zöllner. Doch wo wird man diesen Aussatz reinigen können, wenn nicht im Jordan? Dort tauche unter, der du damit behaftet bist, und merke, was der Engel des großen Rates getan! Er hat seine Meinung der Meinung oder vielmehr dem Willen einer Frau - ich meine die seligste Jungfrau - und eines armen Zimmermannes unterworfen.

Als man ihn mitten unter den Gesetzeslehrern fand, wie er ihnen zuhörte und sie fragte, wurde er dafür von seiner Mutter gleichsam hart angefahren: Kind, warum hast du uns das getan? Da sprach er zu ihnen: Warum habt ihr mich gesucht? Wußtet ihr nicht, daß ich im Hause meines Vaters sein muß? Doch sie verstanden nicht was er ihnen mit diesen Worten sagen wollte. Und was tat das ewige Wort? Es war von sich nicht eingenommen. Es ließ sich herab, daß es ihnen sogar untertan war. Wer sollte sich da nicht schämen, noch hartnäckig auf seiner Meinung zu bestehen, wenn die ewige Weisheit selbst ihre eigene aufgegeben? Sie hat ihren Ratschluß so geändert, daß sie ihr damals bereits begonnenes Werk von da an bis zu ihrem dreißigsten Lebensjahr vollständig ruhen ließ. Denn von diesem zwölften Jahre an erfährst du nichts mehr von seiner Lehre und von seinen Taten bis zu seinem dreißigsten Jahr. Doch wir sollten ihn vielleicht selbst fragen, wie er seinen Willen und seine Meinung aufgegeben hat. O Herr, wenn dein Wille, von dem du gesagt hast, er möge nicht geschehen nicht gut war, wie war er denn der deine? Ebenso wenn deine Meinung nicht gut war, wie war sie dann die deine? War sie aber gut, warum mußte sie dann aufgegeben werden? Sie waren gut, und sie waren Christi Willen und Christi Meinung. Nichtsdestoweniger mußten sie aufgegeben werden, um nämlich noch besser zu werden. Der eigene Wille und die eigene Meinung durften nicht vor dem gemeinsamen entscheiden. Es war also der Wille Christi, und er war auch gut der ihn sagen ließ: Wenn es möglich ist, so gehe dieser Kelch an mir vorüber! Doch jener Wille war besser, der ihn sprechen ließ: Dein Wille geschehe! Es war ja auch der gemeinsame Wille des Vaters wie auch Christi selbst - denn er ward geopfert, weil er selbst es wollte - und unser Wille. Wäre das Weizenkorn nicht in die Erde gefallen und gestorben, so bliebe es allein; nachdem es aber gestorben war, brachte es viele Frucht. Dies war der Wille des Vaters, damit er Menschen hätte, sie als Kinder annehmen zu können. Es war auch der Wille Christi, daß er der Erstgeborene sei unter vielen Brüdern. Unser Wille war es auch, weil er es für uns tat, um uns zu erlösen. Von der Meinung gilt das gleiche. Christi Meinung, und zwar eine gute Meinung sprach auch den Worten: Ich muß im Hause meines Vaters sein. Weil ihn aber jene nicht verstanden, änderte er seine Meinung um uns vom Aussatz des Eigensinns zu reinigen. Er wollte uns ein Beispiel geben, daß auch wir so handelten. Er wußte ja von Anfang an, was er tun wollte, wollte uns aber ein Beispiel der Demut geben, und zur Reinigung von diesem Abscheulichen Aussatz in sich selbst einen göttlichen Jordan bereiten.

So mögen denn gleicherweise jene, die durch den Aussatz des Eigenwillens, wie auch jene die durch den Aussatz des Eigensinns befleckt sind, hören, ja sie mögen hören, was der Geist zu den Gemeinden spricht, wie er mit einem kurzen Sätzchen beide Arten des Aussatzes verwirft: Die Weisheit, die von Oben kommt, ist vor allen Dingen lauter, dies richtet sich gegen die Unreinigkeit des Eigenwillens, dann friedliebend, dies verurteilt die hartnäckige Auflehnung des Eigensinns.

Ist der Kranke von diesem siebenfachen Ausatze gereinigt, so soll er gleichsam in sieben Vorratskammern nach sieben Gerichten suchen, das sind die sieben Gaben des Heiligen Geistes. Wir haben im Leben des Herrn vor seinem Leiden sieben Reinigungen gefunden. Dementsprechend können wir in den sieben Erscheinungen nach seiner Auferstehung, von denen die Schrift berichtet, die bekannten sieben Gaben des Heiligen Geistes finden.

In der ersten Erscheinung erkenne ich den Geist der Furcht des Herrn. Als die heiligen Frauen zum Grabe kamen, stieg ein Engel vom Himmel hernieder, und die Erde erbebte, so daß der Engel die von Furcht erfaßten trösten mußte.

Im Geiste der Frömmigkeit und Liebe erschien er dem Simon. Denn es ist ein überaus großer und des Herrn Jesus wahrhaft würdiger Hulderweis der Liebe, daß er dem besonders und vor allen anderen zu erscheinen sich würdigte, den mehr als die übrigen Gewissensbisse quälten, weil er den Herrn verleugnet hatte. Wo die Schuld übergroß war, sollte die Gnade noch viel mächtiger sein.

Im Geiste der Wissenschaft legte er den beiden Jüngern, die nach Emmaus wanderten die Schrift aus, angefangen von Moses und den Propheten. Im Geiste der Stärke trat er bei verschlossenen Türen ein und zeigte seine Hände und seine Seite, wie man zum Beweise der Tapferkeit die Löcher in den Schilden zu zeigen pflegt.

Im Geiste des Rates hieß er die Fischer, die sich beim Fange vergeblich mühten, das Netz zur Rechten auszuwerfen. Im Geiste des Verstandes erschloß er ihren Sinn, damit sie die Schriften verständen. Im Geiste der Weisheit erschien er ihnen am vierzigsten Tage nach der Auferstehung, erhob sich vor ihren Augen, und sie sahen den Menschensohn in den Himmel auffahren, wo er vorher geweilt hatte; denn bis zu jenem Tage machte er die Gläubigen gleichsam durch die Torheit der Predigt selig. Nachdem er aber zum Vater aufgefahren war, da begann seine Weisheit ihnen offenbar zu werden.

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