Predigt von Weihbischof Athanasius Schneider


(Mariä Namen 2010, Karlskirche)

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Liebe Brüder und Schwestern im Herrn!

Wir feiern das heilige Messopfer in diesem herrlichen Gotteshaus. In jeder heiligen Messe, in jeder geweihten Kirche ist die Wohnung Gottes hier auf Erden. Denn Gott wohnt hier mit Seiner ganzen Herrlichkeit, mit dem ganzen Glanz Seiner Heiligkeit, mit Seiner ganzen unendlichen Liebe, weil Gott Mensch geworden ist, weil Er Fleisch geworden ist in Jesus Christus, unserem Herrn und Heiland. Er ist hier wahrhaft, wirklich und wesenhaft gegenwärtig im Geheimnis der heiligen Eucharistie. Gott wohnt hier in dieser Kirche im Tabernakel und in allen Tabernakeln unserer Erde unter der bescheidenen Gestalt des Brotes. Der Leib und das Blut, die Seele und die Gottheit unseres Herrn und Gottes Jesus Christus sind hier gegenwärtig.

Den Leib Jesu hat uns Maria gegeben, die Unbefleckte Jungfrau und wahre Gottesmutter.

Deshalb kann man sagen, dass jeder Ort, wo das heilige Messopfer gefeiert wird, wo es einen Tabernakel gibt, auch ein Haus Mariens ist. Der heilige Apostel Petrus hatte einst auf dem Berg Tabor bei der Verklärung des Herrn ausgerufen: ,,Herr, wie gut ist es, dass wir hier sind!" (Mt 17. 4). Der Apostel sprach diese Worte aus, als Er die Herrlichkeit, die Schönheit des Herrn in Seiner Verklärung sah. Auch wir dürfen hier die Herrlichkeit und die Schönheit des Herrn sehen, jedoch nicht mit den Augen des Leibes, sondern mit den Augen des Glaubens, d.h. mit den Augen des Herzens. Ja, mit den Augen des Glaubens dürfen wir hier in dieser heiligen Messe, dürfen wir in jedem Tabernakel, die Herrlichkeit, die unendliche Liebe des Herrn sehen, auch wenn Er verborgen ist in dem bescheidenen und doch so wunderbaren Sakrament der Eucharistie. Wenn wir den Leib Jesu sehen, hocherhoben durch die Hände des Priesters bei der heiligen Wandlung, wenn wir den Leib Jesu sehen, ausgesetzt in der Monstranz, uns dargereicht im Augenblick der heiligen Kommunion, wenn wir den Leib Jesu erkennen verborgen im Tabernakel, sollten wir da nicht auch die Worte des heiligen Apostels Petrus wiederholen und sagen: "Herr, wie gut, dass wir hier sind!", wie gut dass wir in dieser heiligen Messe sind, in dieser Kirche sind. Ja, wir haben geglaubt und erkannt: Du bist der Heiland der Welt. Du bist der menschgewordene Gott, Du bist der Heilige Gottes. Hier hast Du die Wohnung Deiner Herrlichkeit und Deiner unendlichen Liebe aufgeschlagen. Und deshalb ist es gut, dass wir hier sind.

Hier ist auch das Haus Deiner heiligsten Mutter. Deshalb lehrt uns Maria am besten, wie man Jesus lieben und Ihn verehren soll. Es gibt nichts Schöneres und Erhabeneres, das man über Maria sagen könnte als dies: Mutter Gottes. Das lehrt uns das Evangelium. Denn die allerseligste Jungfrau Maria gebar Denjenigen, Der eine göttliche Person ist: Jesus Christus. Er ist wahrer und ewiger Gott und wahrer Mensch in einer einzigen Person, nämlich der Zweiten Person der heiligsten Dreifaltigkeit. In dem unaussprechlichen Geheimnis der Menschwerdung Gottes sind Sohn und Mutter, sind Jesus und Maria unzertrennlich verbunden. Der heilige Ludwig Maria Grignion de Monfort sagte: Wenn man den Namen Jesus ausspricht, hallt zurück der Name Maria, und wenn man den Namen Maria ausspricht, hallt als Echo zurück der Name Jesus.

Alle Namen und Titel Mariens sind nur ein Widerschein ihres größten Namens und Titels, nämlich "Mutter Gottes". Die anderen Namen sind gleichsam wie Sterne, die um diese Sonne kreisen, welche da ist "Mutter Gottes". Die allerseligste Jungfrau Maria wird unter vielen Namen und Anrufungen verehrt, wie z.B.: die Unbefleckte, die Jung-frau, die Mittlerin aller Gnaden Christi, die einzigartige Mitwirkerin beim Werk der Erlösung des Menschengeschlechts. Wie oft in Seinem irdischen Leben hatte Jesus dieses Wort ausgesprochen: Mutter. Und sterbend am Kreuz, hat Jesus die Menschheit und einen jeden von uns ermächtigt zu Seiner heiligsten Mutter in aller Wahrheit ebenfalls diese Worte sagen zu dürfen: Mutter, meine Mutter. O, Maria, Du bist meine wahre Mutter, denn Du bist die Mutter meines übernatürlichen Lebens. Und weil Maria Mutter ist, und Mutter Gottes, kann sie uns am Mächtigsten helfen (vgl. II. Vat. Konzils, "Lumen gentium". 61).

In den Augenblicken und Zeiten der Gefahr und Not suchen die Kinder unwillkürlich Hilfe und Zuflucht bei der Mutter. Wie oft im Laufe der vergangenen zweitausend Jahre haben die Christen, die Kinder der Kirche, in den Zeiten großer Gefahr Zuflucht bei der Mutter Gottes gesucht und Hilfe erfahren. In solchen Zeiten großer Not und Gefahr für das Leben des Glaubens und der Kirche haben die Gläubigen der Gottesmutter eine besondere Verehrung erwiesen. In solchen Zeiten sind in der Tat die schönsten Gebete, Hymnen und Lieder zur Ehre Mariens gereift. Wir kennen hierzu einige konkrete Beispiele.

Als im siebten Jahrhundert heidnische Heere die ostchristliche Hauptstadt Konstantinopel belagerten und eine große Gefahr war, dort den christlichen Glauben zu vernichten, haben die Gläubigen und die Priester gleichsam ununterbrochen eines der schönsten Lobgesänge auf die Got-tesmutter gesungen und Sie um Abwendung der Gefahr angefleht. Dieser Lobgesang erhielt den Namen "Hymnos akathistos". Und die Gefahr des Sieges des Heidentums wurde abgewendet. Hier einige Worte dieses Hymnus: "Wir besingen dein Gebären und preisen Dich als lebendigen Tempel der Gottheit o Gottesmutter. Der Herr, Der das All mit Seiner Hand lenkt, hat Wohnung in Deinem Schoß genommen, hat Dich heilig und ehrwürdig gemacht, Dich so zu besingen: Sei gegrüßt, Du Zelt Gottes und des Wortes, Du Größte aller Heiligen, Du vom Heiligen Geist vergoldete Arche. Sei gegrüßt Du unausschöpflicher Schatz des Lebens, Du kostbarer Diadem der frommen Herrscher, Du ehrwürdiges Lob der frommen Priester. Sei gegrüßt, Du unbezwingbarer Turm der Kirche, durch Dich werden die Siegesbanner entrollt, durch Dich werden die Feinde niedergeschlagen. Sei gegrüßt, Du Heilung meines Leibes, Du Rettung meiner Seele. Sei gegrüßt, Du jungfräuliche Mutter!".

Im sechzehnten Jahrhundert hat das eifrige Gebet des heiligen Rosenkranzes durch das gläubige Volk und vor allem durch den heiligen Papst Pius V. Europa die Gnade erlangt, den christlichen Glauben zu bewahren. Im siebzehnten Jahrhundert wurde durch die Verehrung und Anrufung des heiligen Namens Mariens der Stadt Wien und Europa der katholische Glaube bewahrt.

Im zwanzigsten Jahrhundert hat die Menschheit die heftigsten und systematischsten Angriffe erlebt, welche das Ziel hatten, den christlichen Glauben auszulöschen. An erster Stelle waren die Angriffe auf die katholische Kirche abgezielt, und zwar seitens antichristlicher und gottloser politischer Regime, namentlich durch den sowjetischen Kommunismus und den Nationalsozialismus. Schaut man realistisch und mit wachen Augen auf die Geschehnisse im politischen und sozialen Leben der Gegenwart, vornehmlich in Europa, so muss man zugeben, dass die systematischen Angriffe auf den christlichen, und insbesondere auf den katholischen Glauben, nicht aufgehört haben. Die Angriffe der jüngsten totalitären Regime gehen weiter, jedoch auf eine andere Art, unter anderen Formen. Die Formen der Angriffe sind raffinierter geworden, unter der Maske der Demokratie und eines sogenannten humanitären Fortschritts. Man wendet nicht mehr äußere und rohe Gewalt an, wie es für die erwähnten Regimes bezeichnend war. Man greift den Glauben und die Kirche an mittels Gesetze, mittels des Aufzwingens einer neuen totalitären Ideologie, einer Art europäischer Staatsideologie. Man greift den Glauben und die Kirche an mittels öffentlicher und ungestrafter Gotteslästerung und Verhöhnung dessen, was dem christlichen Glauben heilig ist: man verhöhnt und macht lächerlich die heiligste und göttliche Person Jesu Christi, den heiligen Priesterstand, die Heiligkeit der Ehe, die erhabene Person des Papstes, des Stellvertreters Christi auf Erde, des "süßen Christus auf Erden", wie ihn die heilige Katharina von Siena genannt hatte. Man greift den Glauben und die Kirche an mittels Verleumdungen und Lächerlichmachen jener Menschen, die noch den Mut haben, eine unmenschliche und totalitäre europäische oder sogar weltweite Staatsideologie zu kritisieren. Wie Not tun uns heute mutige Menschen, die nicht politisch korrekt sein wollen, mutige Laien, wie ein heiliger Thomas Morus, mutige Bischöfe, wie ein heiliger Kardinal John Fisher und die vielen Beispiele von Laien, Priestern und Bischöfen der jüngsten Vergangenheit der Zeit totalitärer Regime; um nur einige wenige Namen zu nennen, denken wir an den seligen Kardinal von Galen von Münster, an den seligen Kardinal Stepinac von Zagreb, an heilige Priester: den seligen Otto Neururer aus Tirol, an heilige Ordensleute: die selige Schwester Restituta aus Wien, an heilige Laien: den Jugendlichen seligen Marcel Callo aus Frankreich, den seligen Nikolaus Groß aus Deutschland.

Was sollen wir tun angesichts der neuen Ära einer subtilen Glaubensverfolgung, die wir in Europa erleben? Sollen wir uns entmutigen lassen? Sicherlich nicht. Das wäre keine christliche Haltung. Wir können und dürfen uns nicht entmutigen lassen, denn wir haben Jesus, denn wir haben bei uns Jesus im heiligsten Sakrament, denn wir haben Maria, die Mutter Gottes und unsere Mutter. Und Maria hat uns für diese unsere Zeit der Glaubensverfolgung ein wirksames Mittel gegeben: die Verehrung ihres Unbefleckten Herzens, wie sie es in Fatima gebeten hatte. Maria hat versprochen, dass am Ende ihr Unbeflecktes Herz triumphieren, das heißt siegen wird, siegen wird über die antichristlichen Angriffe, siegen wird über die Angriffe auf die Heiligkeit der Kirche, selbst wenn die Heiligkeit der Kirche seitens Personen und Gruppen innerhalb der Kirche verübt werden. Diese Angriffe werden besiegt durch Maria, durch ihre Kinder, die gläubig sind, herzensrein, feststehend im katholischen Glauben und treu zum Heiligen Vater.

Verehren wir kindlich das Unbefleckte Herz Mariens, vor allem durch die Übung der fünf ersten Samstage im Monat, durch ein echt katholisches Leben, durch eine innige und tiefe Verehrung des eucharistischen Leibes Christi, durch ein sittlich reines Leben, durch ein Leben der Buße, und das alles in Freude, in der Freude, katholisch sein zu dürfen, in der Freude, von so vielen Zeugen des Glaubens umgeben zu sein, in der Freude, dass wir Maria, die Gottesmutter als unsere Mutter haben dürfen, die so gut ist, so mächtig, so heilig und doch so nahe.

Mutter Gottes, bitte für uns, für uns arme, arme Sünder, jetzt in dieser schweren Stunde der Glaubensprüfung und Verfolgung und in der Stunde unseres Todes.

Amen.

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