Papst Leo der Große
Papst seit 440, gestorben am 10. November 461, Fest am 11. April
Geliebteste! Freilich weist uns beim Nahen des Osterfestes schon die dafür festgesetzte wiederkehrende Zeit auf das vierzigtägige Fasten hin, aber trotzdem sollen auch von unserer Seite noch mahnende Worte hinzukommen! Mögen diese unter dem Beistande des Herrn weder den Frommen lästig noch für die Saumseligen ohne Nutzen sein! Gibt es doch - davon bin ich überzeugt - niemand unter euch, der sich nicht gerne zu einem guten Werke anspornen ließe, zumal die Bestimmung dieser Tage von uns eine gewissenhaftere Erfüllung aller religiösen Pflichten erheischt. Ist ja unsere Natur, über die bis heute der Tod Gewalt hat, voller Unbeständigkeit. Darum kann ihr auch, trotz eifrigsten Strebens nach Tugend, immer wieder etwas zum Rückfall Anlaß geben, wie es ihr auch immer wieder möglich ist, ein Mittel zur Veredelung zu finden. Auch zeigt sich gerade darin die wahre Gerechtigkeit der Vollkommenen, daß sie sich niemals auf ihre Vollkommenheit etwas zugute zu tun, damit sie nicht den Zweck ihrer noch nicht vollendeten Pilgerschaft aus dem Auge verlieren und gerade durch ihre Verzichtleistung auf ein Vorwärtsschreiten der Gefahr des Rückschrittes anheimfallen. Weil also, Geliebteste, niemand unter uns so vollkommen und heilig ist, daß hierin nicht noch eine Steigerung möglich wäre, so laßt uns alle zusammen ohne Unterschied des Standes, ohne Rücksicht auf Verdienste, voll frommen Eifers und von bereits erreichtem Standort, dem noch nicht erreichten Ziele zustreben! Laßt uns durch eine notwendige Mehrung unserer guten Werke etwas über unser gewohntes Maß hinausgehen! Denn wen man in diesen Tagen seinen Pflichten gegen Gott nicht mit noch größerem Eifer nachkommen sieht, der zeigt sich auch zu anderen Zeiten nicht fromm genug.
Darum wurden auch ganz zweckentsprechend die Mahnworte des Apostels vor uns verlesen, worin es heißt: "Seht, jetzt ist die gnadenreiche Zeit; seht, jetzt sind die Tage des Heiles!" Was könnte nämlich gnadenreicher sein als diese Zeit, was heilbringender als diese Tage, während derer den Lastern der Krieg erklärt und in allen Tugenden ein größerer Fortschritt erreicht wird? Um nicht dem hinterlistigen Verführer irgendeine Blöße zu bieten mußtest du, christliche Seele, beständig vor dem Gegner deines Heiles auf der Hut sein, nunmehr aber gilt es noch größere Vorsicht, noch umsichtigere Klugheit zu entfalten, da derselbe Feind aus noch heftigerem Neide gegen dich wütet. Büßt er doch jetzt auf dem ganzen Erdenrunde die Macht seiner alten Herrschaft ein, werden ihm nunmehr unzählig viele "Gefäße der Gefangenschaft" entrissen. Die Völker aller Stämme und Sprachen sagen sich von diesem furchtbaren Räuber los. Schon findet man unter den Menschen kein Geschlecht mehr, das sich nicht seinem tyrannischen Drucke widersetzte, indem in allen Ländern der Welt Tausende und aber Tausende für ihre Wiedergeburt in Christus vorbereitet werden. Und nähert sich der Tag, an dem sie neugeboren werden sollen, dann wird der Geist der Bosheit, von dem sie besessen waren, aus ihnen ausgetrieben. Voll arglistiger Wut knirscht darum der Feind, weil er seiner Beute verlustig geht, und sucht neuen Gewinn für sein verlorenes Anrecht. Unermüdlich und rastlos trachtet er danach, die Schäflein zu erhaschen, die sich allzu unachtsam von der heiligen Herde entfernen, um sie auf den abschüssigen Pfaden der Vergnügungen, auf den zur Tiefe führenden wegen der Wollust zu den Stätten des Todes zu locken. Aus diesem Grunde entflammt er die Menschen zum Zorne, schürt er den Haß, stachelt er die Begierden an, spottet über Enthaltsamkeit und verführt er zu Schwelgerei.
Wen sollte der nicht zu versuchen wagen, der es nicht einmal unter-ließ, an unseren Herrn Jesus mit listigen Anschlägen heranzutreten? Die Geschichte im Evangelium hat uns belehrt, daß unser Erlöser, der wahrer Gott ist, nach einem Fasten von vierzig Tagen und Nächten den Hunger, wie wir schwachen Geschöpfe ihn fühlen, in sich aufkommen ließ. Er wollte sich dadurch auch als wahren Menschen zeigen und gottlosen Meinungen aller hierauf bezüglichen Irrlehren von vornherein ausschließen. Da freute sich der Satan, in ihm ein Anzeichen einer leidensfähigen und sterblichen Natur entdeckt zu haben. Und um die von ihm gefürchtete Macht des Herrn auf die Probe zu stellen, sprach er: "Bist du Gottes Sohn, so befiehl, daß diese Steine da Brot werden!" Natürlich hätte der Allmächtige dies gekonnt. Gar leicht hätte auf des Schöpfers Geheiß all das, was er erschaffen, die von ihm gewünschte Gestalt annehmen können, wie er ja auch beim Hochzeitsmahle, sobald er nur wollte, Wasser in Wein verwandelte. Allein es entsprach mehr den für unsere Erlösung getroffenen Bestimmungen, daß die List des so hochmütigen Feindes vom Herrn nicht durch seine göttliche Kraft, sondern durch seine geheimnisvolle Selbsterniedrigung vereitelt werden sollte. Als dann endlich der Satan hatte weichen müssen und der Verführer sich in all seinen Anschlägen enttäuscht sah, "da traten die Engel zum Herrn und dienten ihm". In den listigen Versuchungen des Teufels sollte sich die rein menschliche Natur und in den Dienstleistungen der heiligen Engel das göttliche Wesen dessen offenbaren, der wahrer Mensch und wahrer Gott ist. Zuschanden mögen also die Söhne und Anhänger Satans werden, die - erfüllt von den Einflüsterungen der Schlange - alle jene täuschen, die einfältigen Herzens sind! Leugnen sie ja, daß in Christus beide Naturen wirklich vorhanden sind, indem sie entweder den Menschen der Gottheit entkleiden oder die Gottheit des Menschen. Und doch ist durch zwei in die gleiche Zeit fallende beweiskräftige Begebenheiten das Verkehrte an beiden Lehren gründlich widerlegt: In dem Hunger, den der Leib verspürte, äußerte sich deutlich die vollkommen menschliche Natur, wie in dem Erscheinen der Engel zu seinem Dienste die vollkommen göttliche klar zu Tage trat.
Geliebteste! Gemäß der Lehre un-seres Erlösers "lebt der Mensch nicht allein vom Brote, sondern von jedem Worte Gottes." Auch ist es nur recht und billig, daß sich das christliche Volk - welch ausgedehntes Fasten ihm auch gerade auferlegt sein mag - mehr nach Sättigung durch das Wort Gottes als durch irdische Speise sehnt. Laßt und daher voll frommen Eifers und freudiger Zuversicht das feierliche Fasten beginnen! Nicht auf ein fruchtloses Hungern, dem wir uns nicht selten aus körperlichen Leiden oder krankhaftem Geize unterziehen, soll sich die Beobachtung des Fastens beschränken! Nein. Mit Güte und Freigebigkeit soll es begangen werden, damit wir auch zu denen gehören, von welchen die Wahrheit selber sagt: "Selig die Hunger und Durst haben nach der Gerechtigkeit; denn sie werden gesättigt werden!" Unsere Wonne seien also Werke der Nächstenliebe! Sättigen wollen wir uns an jenen Speisen, die uns nähren für die Ewigkeit! Unsere Freude bilde die Erquickung der Armen, deren Hunger unsere Gaben stillten! Laßt uns ein Vergnügen in der Bekleidung jener finden, deren Blöße wir durch das Nötige deckten! Mißmutige Kranke, gebrechliche Krüppel, bedrängte Flüchtlinge, verlassene Waisen und tiefbetrübte und trostlose Witwen, sie alle sollen unsere Menschenfreundlichkeit empfinden! Jeder kann durch die Linderung solcher Bedrängnisse in irgendeiner Art seinem Wohlwollen durch die Tat Ausdruck geben; denn niemand besitzt ein zu kleines Hab und Gut, wenn er ein großes Herz hat. Ebensowenig hängt von der Größe des Vermögens das Maß des Mitleids oder der Nächstenliebe ab. Wer reich an gutem Willen ist, wird selbst bei beschränkten Mitteln nie ohne Verdienste bleiben. Freilich sind die Gaben der Reichen größer und die der weniger Begüterten kleiner, aber trotzdem gibt es dort keinen Unterschied in der Belohnung der Werke, wo alle aus gleicher Liebe wirken.
In dieser Zeit aber, Geliebsteste, die für die Ausübung des Guten ganz besonders geeignet ist, lassen sich auch noch herrlicher Tugendkränze erringen, die man sich nicht durch Spenden aus seinen Kornspeichern und auch nicht durch Geldopfer erwerben kann. Dazu gehören die Bekämpfung der Zügellosigkeit, das Ablegen der Trunksucht und die Unterordnung unserer sinnli-chen Begierden unter die Forderungen der Keuschheit. Solche Tugendkränze erwirbt man sich außerdem, wenn sich Haß in Liebe verwandelt, wenn man sich mit seinen Feinden wieder aussöhnt, wenn man durch die Ruhe seinen Zorn unterdrückt und aus Sanftmut eine Beleidigung verzeiht, wenn endlich das gegenseitige Verhältnis zwischen Herrn und Dienern ein solches ist, daß jene ihre Macht weniger fühlen lassen und diese mit größerer Hingebung den Befehlen gehorchen. Wenn wir diese Vorschriften befolgen, Geliebteste, dann werden wir Gottes Barmherzigkeit erlangen und nach Verzeihung unserer Sündenschuld in gottgefälliger Weise das ehrwürdige Osterfest feiern. So halten es auch die frommen Kaiser des römischen Reiches gemäß einem schon lange bestehenden heiligen Brauche. Zu Ehren des Leidens und der Auferstehung des Herrn demütigt sich ihre Macht und Majestät, mildern sie die Strenge ihrer Gesetze und befreien die vieler Verbrechen Schuldigen aus ihren Kerkern. So soll also an diesen Tagen, an welchen der Welt durch Gottes Barmherzigkeit Erlösung zu Teil wird, auch die Milde der Kaiser, die sich des Himmels Güte zum Vorbild nimmt, ein Ziel unserer Nacheiferung werden! Mögen es daher die christlichen Völker ihren Fürsten gleichtun und sich durch das Beispiel der Herrscher zur Nachsicht in ihrem Privatleben bestimmen lassen! Wäre es doch ungerecht, wenn der einzelne die Gesetze strenger handhaben wollte als der Staat. Laßt uns daher jede Schuld verzeihen, alle Fesseln lösen, Beleidigungen vergessen und jeglichen Rachegedanken in uns ersticken, damit durch die Gnade, die von Gott und uns Menschen geübt wird, alle am hochheiligen Osterfeste voll Freude, alle schuldlos seien! Durch unseren Herrn Jesus Christus, der mit dem Vater und dem Heiligen Geiste lebt und waltet als Gott von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.
.