.
Die kommende Zeit der Septuagesima und des Fastens mahnt uns jedes Jahr von Neuem, mit größerem Eifer als zuvor dem Leben der Sünde und der irdischen Anhänglichkeit zu entsagen und das Gnadenleben zu entfalten. Dabei ist die Wachsamkeit des Herzens ein fundamentales Element dieses Kampfes. Denn ohne sie ist der Mensch der Welt, dem Teufel und seinen fleischlichen Leidenschaften ausgeliefert. Ein wachsames Herz ist beständig besorgt, die Seele vor jedem Makel der Sünde zu bewahren und die Gelegenheit dazu zu meiden. Gleichzeitig wird ein wachsames Herz stets die Möglichkeit suchen, Gott näher zu kommen und durch Beispiel und Wort auch andere dafür zu gewinnen. Die Wachsamkeit des Herzens verwirklicht die Aufforderung Christi: "Bleibt in mir und ich bleibe in euch." (Joh 15,4). Das "in Christus bleiben" ist unabhängig von Zeit, Ort und Tätigkeit. Allzeit müssen wir wachsam den Geschäften unseres Heiles nachgehen, wie der hl. Petrus es formuliert: "Brüder, seid nüchtern und wachsam, denn der Teufel geht umher wie ein brüllender Löwe und sucht, wen er verschlinge könne." (1 Petr 5,8) |
|
1. Heute, Geliebteste, treten wir in die heilige Fastenzeit ein, in die Zeit des christlichen Kriegsdienstes. Diese Übung ist nicht uns allein eigen; sie umfaßt alle, die eines Glaubens mit uns sind. Wie sollte auch Christi Fasten nicht Gemeingut aller Christen sein? Warum sollten die Glieder nicht dem Haupte folgen? Wenn wir Gutes von diesem Haupte empfangen haben, warum sollten wir nicht auch Übles hinnehmen? Wollen wir etwa das Unangenehme abweisen und nur das Angenehme teilen? Wenn dem so ist, erweisen wir uns unwürdig zu diesem Haupte zu gehören. Denn alles, was er leidet, ist für uns. Wenn es uns nun verdrießt, mit ihm an unserem Heilswerke zu arbeiten, worin wollen wir uns ihm dann als Mitarbeiter zeigen? Es ist nichts großes, wenn ein Glied mit dem Haupte leidet, mit dem es auch verherrlicht werden soll. Glückseliges Glied, das sich jetzt in allen Stücken an dieses Haupt anschließt! Es wird ihm einst auch folgen, wohin es immer geht. Würde es etwa von ihm gänzlich losgetrennt, so müßte es sogleich das Leben lassen. Wie kann denn ein Teil, der mit dem Haupte nicht mehr in Verbindung steht, noch Gefühl und Leben haben? Doch er wird auch so nicht lange des Hauptes bar sein; gar bald wird einer das schutzlose Glied für sich in Anspruch nehmen. Die Wurzel der Bitterkeit wird frische Schosse treiben, das giftgeschwollene Haupt wird wieder aufleben. Ich meine jenes Haupt, das das starke Weib, die Mutter Kirche, in ihm zertreten hatte. Das geschah damals, als sie den zur Hoffnung auf das Leben wiedergebar, den von Natur aus eine fleischliche Mutter als Sohn des Zornes zur Welt gebracht. (Eph. 2,3)
2. Wer die Augen seines Herzens offen hat und geistig schaut, wird also ein ganz fürchterliches Ungeheuer mit Menschenleib und Satanshaupt erblicken. Doch nicht genug damit. Dem einen, früher abgeschnittenen Schlangenhaupt werden sieben schlimmere nachwachsen, und so wird es mit einem solchen Menschen nachher schlimmer stehen als vorher. Wer erschaudert nicht beim bloßen hören? Wie, das Glied Christi soll ich nehmen und daraus ein Glied des Teufels machen? Meine Brüder, fern sei stets von uns diese fluchwürdige Wandlung! Mit ist es gut, dir gänzlich anzuhangen, o Haupt voll Herrlichkeit, gelobt in Ewigkeit, nach dessen Anblick sich selbst die Engel sehnen! Ich will dir folgen auf allen deinen Wegen. Schreitest du durch Feuersglut, so soll sie mich nicht losreißen von dir. Ich fürchte keinerlei Gefahr; denn du begleitest mich. Du trägst mein Leid und leidest für mich. Du gehst voran durch des Leidens Pforte, um den nachfolgenden Gliedern den Eingang weit zu machen. Wer wird uns scheiden von der Liebe Christi. Sie ist es ja, die den ganzen Leib fest fügt und bindet und ihm so Wachstum verleiht. Sie ist die vorzügliche Lötung, die Isaias erwähnt. Sie läßt die Brüder in köstlicher, lieblicher Eintracht beieinander bleiben. Sie ist das Salböl, das vom Haupt auf den Bart und auch auf des Kleides Saum. Kein noch so winziges Teilchen soll ohne Salbung bleiben. Denn das Haupt birgt der Gnaden Fülle, von der wir alle empfangen. Das Haupt ist der Innbegriff aller Erbarmungen. Im Haupte ist der Gottesgüte unerschöpflicher Born, im Haupte sind geistige Salben im Überfluß, wie geschrieben steht: Gott, dein Gott salbt dich mit wonniglichem Öl mehr als deine Mitgenossen. Gleichwohl salbt auch Maria Magdalena ohne Scheu Jesu Haupt, das doch der Vater schon so überreich gesalbt. Darob sind die Jünger ungehalten. Doch die ewige Wahrheit spricht zu ihren Gunsten, sie habe ein vortreffliches Werk getan.
3. Was befiehlt der Herr uns im heutigen Evangelium? Wenn Du fastest, salbe dir das Haupt! Wunderbarer Hulderweis! Der Geist des Herrn ruht über ihm; er hat ihn ja gesalbt. Gleichwohl verkündet er im Evangelium den Armen: Salbe dir das Haupt! Der Vater hat sein Wohlgefallen an seinem Sohne, und während seine Stimme in der Luft ertönt, steigt der Heilige Geist in Gestalt einer Taube hernieder. Brüder, glaubt ihr wohl, bei der Taufe Christi habe die Salbung gefehlt? Der Geist des Herrn bleibt über ihm: wer zweifelt noch, daß er von ihm gesalbt wurde? Dies ist mein vielgeliebter Sohn; an ihm habe ich mein Wohlgefallen. Dies ist fürwahr der Wohlgeruch der geistigen Salbe. Der Vater hat den Sohn gesalbt vor allen Mitgenossen, weil er an ihm mehr Wohlgefallen findet als an allen übrigen. Der Vater liebt ja seinen Sohn mit göttlicher Liebe, wie sie nie ein Geschöpf erfahren. Der Vater, sage ich, salbt seinen Sohn mehr als seine Mitgenossen. Er überhäuft ihn mit den Gnadengaben seiner Güte, Sanftmut und Freundlichkeit. Er erfüllt ihn überreich mit den Schätzen seiner Barmherzigkeit und seines Erbarmens. Mit dieser Salbung sandte er ihn zu uns, zeigte ihn uns in seinem Reichtum an Gnade und Erbarmen. So ward unser Haupt vom Vater gesalbt und verlangt dennoch auch von uns gesalbt zu werden. Wenn du fastest, sagt er, salbe dir das Haupt! Erbittet so der unversiegbare Quell Wasser von dem Bächlein? Ohne Zweifel verlangt er es, fordert es vielmehr zurück. Denn zur Stätte, wo der Ströme Quell, sie kehren hin zu neuem Laufe.
4. Doch Christus verlangt nicht zurück, als ob er ermangle, was er gegeben. Nein, dir soll nicht verloren gehen, was du ihm zurückbringen wolltest. Auch das Wasser eines Flusses wird, wenn es stehen bleibt, in Fäulnis übergehen, und bei eintretender Überschwemmung wird das zurückfließende Wasser zurückgestaut werden. So, genau so hört der Gnadenstrom zu fließen auf, wo kein Rücklauf ist. Für den Undankbaren gibt es kein Mehr. Ja, das Empfangene wandelt sich ihm in Verderben. Wer aber im Kleinen getreu ist, wird auch größerer Gnade wert erachtet. So salbe dir denn das Haupt! Laß auf ihn, der über dir ist, alles zurückfließen, was an Andacht, Freude, Liebe in dir ist! Salbe dir also das Haupt! Wenn Gnade in dir ist, so schreibe sie ihm zu und suche nicht deine, sondern seine Ehre! Denn der salbt Christus, der überall seinen süßen Duft ausströmen läßt. Bedenke es wohl: Dieses Wort richtete sich gegen die Heuchler! Ihr dürft nicht so trübselig erscheinen wie die Heuchler. Der Herr untersagt uns nicht jedwede Traurigkeit, sondern nur jene die man vor den Menschen heuchelt. Sonst heißt es: Des Weisen Herz weilt im Trauerhause. (Eccle. 7,4) Auch Paulus macht es kein Bedenken, seine Jünger betrübt zu haben, weil sie sich zu ihrem Heil betrübten. - Nicht so ist die Traurigkeit der Heuchler. Sie ist nicht im Herzen, sondern nur im Angesicht. Sie entstellen ja ihr Angesicht.
5. Daher merke wohl! Der Herr sagte nicht: Seid nicht trübselig wie die Heuchler, sondern ihr dürft nicht so trübselig erscheinen, d.h. euch nicht traurig stellen. So pflegt man gemeiniglich zu sagen: er stelle sich traurig, oder: er macht sich groß. Ferner: Wer dich selig preist, führt dich in Irrtum und dergleichen, alles Ausdrücke für die Heuchelei, aber nicht für die Wahrheit. Du aber, wenn du fastest, salbe dir das Haupt und wasche dein Gesicht! Jene entstellen ihr Angesicht, du aber sollst es waschen. Das Angesicht aber bedeutet das äußere Benehmen, das sich im Antlitz ausdrückt. Dieses reinigt der treue Diener Christi, um dem Beschauer kein Ärgernis zu geben. Der Heuchler dagegen entstellt das Antlitz, da er mehr dem Absonderlichen und Ungewöhnlichen nachgeht. Auch salbt der sein Haupt nicht, dessen Liebe weit weg ist von Christus und der in eitler Gunst all sein Entzücken findet. Er salbt vielmehr sich selbst, um den Wohlgeruch eigener Wertschätzung um sich zu verbreiten. Es ist klar: Christus kann nicht das Haupt des Heuchlers sein. So kann der Mensch, dessen Herz sich nicht am Zeugnis des eigenen Geistes, sondern an Schmeicheleien erfreut, sein Haupt nicht salben, mag es wie immer beschaffen sein. Gebt uns, baten die törichten Jungfrauen, von eurem Öl! Warum? Weil sie in ihren eigenen Gefäßen kein Öl besitzen. Die Klugen aber geben Leuten solcher Art kein Öl. Doch wie werden sie anderen antun, was sie sich selbst nicht wünschen? Höre den Propheten, dem Gott die tiefen Abgründe seiner Weisheit offenbarte. Das Öl des Sünders, spricht er, soll mein Haupt nicht salben. Dieses Öl kauften die Heuchler nach dem Wort des Herrn: Fürwahr ich sage euch: Sie haben ihren Lohn schon empfangen. Sie entstellen ja ihr Angesicht, damit die Menschen sehen, daß sie fasten. Du siehst also, wie er in einem knappen Wort die Eigenbrötelei der Heuchler brandmarkt und sie der Eitelkeit bezichtigt. Siehe aber auch, wie kurz und bündig er uns rät, sorglich gute Werke zu vollbringen, sowohl vor Gott, wie auch vor den Menschen! Salbe dir das Haupt und wasche dein Gesicht! d.h. Zeige dich nach außen untadelig! Doch nur, um dadurch Gottes Gnade zu gewinnen. Vor den Augen der Menschen suche nicht deine eigene, sondern des Schöpfers Ehre!
6. Man kann aber auch unter dem gewaschenen Angesicht ein reines Gewissen und unter dem gesalbten Haupte ein andächtiges Gemüt verstehen. Pflichtest du dieser Auffassung bei, so scheinen diese zwei Worte Waschung und Salbung gegen ein doppeltes Laster gerichtet, mit dem vor allem die Fastenden zu kämpfen haben. Der eine fastet aus Eitelkeit, und diesem gilt das Wort: Wasche dein Gesicht! Ein anderer fastet mit Ungeduld und Unwillen, und dieser muß sich das Haupt salben. Dieses Haupt ist aber die innere Gesinnung, die dann im Fasten gesalbt wird, wenn man sich im Geiste daran erfreut. Kommt dir der Ausdruck das Haupt wird durch das Fasten gesalbt etwa befremdend vor? Ich sage noch mehr: es wird sogar fett gemacht. Hast Du noch nie gelesen, was geschrieben steht: Daß er sie in der Hungersnot erhalte? Das Fasten des Leibes ist also die Salbung des Hauptes, die Entbehrung des Fleisches ist Erquickung des Herzens. Warum sollte ich nicht Salbung nennen, was die Wunden heilt, was ein aufgeregtes Gewissen ruhig stimmt? Mag immerhin der Heuchler mit seinem Fasten das Öl des Sünders kaufen - ich indes verkaufe mein Fasten nicht. Es ist mein Öl, womit ich mich salben will. Salbe, heißt es, dir das Haupt, um gegen alles Murren und alle Ungeduld gefeit zu sein! Doch das sei dir nicht genug: rühme dich sogar der Trübsal wegen, wie der Apostel sagt. Ja rühme dich! Doch ferne sei alles Streben nach Eitelkeit, damit dein Angesicht rein bleibe vom Öle des Sünders!
.
.